{"id":5557,"date":"2020-12-01T11:14:35","date_gmt":"2020-12-01T10:14:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=5557"},"modified":"2021-10-27T14:24:30","modified_gmt":"2021-10-27T13:24:30","slug":"datenaltruismus-wie-die-eu-kommission-eine-gute-idee-versemmelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2020\/12\/01\/datenaltruismus-wie-die-eu-kommission-eine-gute-idee-versemmelt\/","title":{"rendered":"Datenaltruismus: Wie die EU-Kommission eine gute Idee versemmelt"},"content":{"rendered":"<p>Die <em>EU-Kommission<\/em> hat eine neue Verordnung vorgeschlagen: den <a href=\"https:\/\/ec.europa.eu\/digital-single-market\/en\/news\/proposal-regulation-european-data-governance-data-governance-act\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Data Governance Act&#8220;<\/a> (DGA). Dieser enth\u00e4lt Regelungen, die mit &#8222;Datenaltruismus&#8220; \u00fcberschrieben sind. Hinter der wohlklingenden Wortsch\u00f6pfung verbirgt sich der Versuch, die Datennutzung f\u00fcr Gemeinwohlzwecke zu f\u00f6rdern. Doch leider bleibt es beim untauglichen Versuch. Denn durch die zus\u00e4tzlichen Antr\u00e4ge, Beh\u00f6rden, Register, Aufzeichnungspflichten, T\u00e4tigkeitsberichte und Formulare wird den meisten die Lust auf Altruismus vergehen.<\/p>\n<h3><strong>I. Worum gehts beim Datenaltruismus?<\/strong><\/h3>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Zugang zu Daten:<\/span> Big Data,\u00a0Mustererkennung und maschinelles Lernen setzen oft gro\u00dfe und vielf\u00e4ltige Datenmengen voraus. In Fachkreisen wird daher schon seit Jahren dar\u00fcber diskutiert, wie der Zugang zu Daten so organisiert werden kann, dass die Konzentration von Datenmacht in den H\u00e4nden weniger gro\u00dfer Unternehmen verhindert wird und dass Daten gemeinwohldienlich genutzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Die Ideen zur Datenregulierung<\/span> sind vielf\u00e4ltig: \u00a0Sie reichen vom <a href=\"https:\/\/www.ip.mpg.de\/fileadmin\/ipmpg\/content\/forschung\/Argumentarium_Dateneigentum_de.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dateneigentum<\/a> \u00fcber Datensteuern, von Open Data \u00fcber Datenteilungspflichten bis hin zu Datentreuh\u00e4ndern und Datenportabilit\u00e4t. Auch die SPD hatte sich mit Unterst\u00fctzung von <em>Justus Haucap<\/em> und <em>Viktor Mayer-Sch\u00f6nberger<\/em> schon einmal mit dem Vorschlag eines\u00a0<a href=\"https:\/\/www.spd.de\/aktuelles\/daten-fuer-alle-gesetz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daten-f\u00fcr-Alle-Gesetzes<\/a>\u00a0besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Altruismus bei Daten:<\/span> \u00a0Eine weitere Idee ist, dass Menschen Daten freiwillig f\u00fcr gemeinwohldienliche Zwecke zur Verf\u00fcgung stellen. Dies versucht die <em>EU-Kommission<\/em> nun unter dem Stichwort &#8222;Datenaltruismus&#8220; zu f\u00f6rdern. &#8222;Altruismus&#8220; ist gem\u00e4\u00df Duden eine selbstlose, uneigenn\u00fctzige Denk- oder Handlungsweise. &#8222;Datenaltruismus&#8220; ist laut <em>EU-Kommission<\/em> die &#8222;freiwillige Datenbereitstellung durch Einzelpersonen oder Unternehmen zum Wohl der Allgemeinheit&#8220;. In Art. 2 Nr. 10 DGA-Entwurf findet sich sogar eine Definition von &#8222;Datenaltruismus&#8220;.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">In der Praxis<\/span> geht es zum Beispiel um Projekte wie:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/decodeproject.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">decode<\/a>, bei dem B\u00fcrger von Barcelona unter anderem\u00a0die Daten \u00fcber L\u00e4rm, Luftverschmutzung, Temperatur und Luftfeuchtigkeit durch Umweltsensoren innerhalb und au\u00dferhalb ihrer Wohnung erhoben und im Wege sog. &#8222;data commons&#8220; der Allgemeinheit zur Verf\u00fcgung stellten. Der lesenswerte Abschlussbericht findet sich\u00a0<a href=\"https:\/\/decodeproject.eu\/publications\/common-knowledge-citizen-led-data-governance-better-cities\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/openschufa.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">OpenSCHUFA<\/a> von <a href=\"https:\/\/algorithmwatch.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Algorithmwatch<\/a>\u00a0und der <a href=\"https:\/\/okfn.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Open Knowledge Foundation<\/a>. Bei diesem Projekt hatten mehr als 4.000 Menschen ihre SCHUFA-Selbstausk\u00fcnfte im Wege einer Datenspende zur Verf\u00fcgung gestellt, um durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reverse_Engineering\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">reverse engineering<\/a> eine \u00dcberpr\u00fcfung des von der SCHUFA ermittelten Scorewerts zu erm\u00f6glichen.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Corona-Datenspende-allgemein.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Corona-Datenspende-App<\/a>\u00a0des <em>Robert-Koch-Instituts<\/em>, die sich 500.000 Nutzer heruntergeladen hatten, um\u00a0ihr Fitnessarmband oder ihre Smartwatch zu verkn\u00fcpfen und ihre Zustimmung zur wissenschaftlichen Datenauswertung zu geben.<\/li>\n<\/ul>\n<h3><strong>II. Was die <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte machen k\u00f6nnen<\/strong><\/h3>\n<p>H\u00e4tte die <em>EU-Kommission<\/em> die Verarbeitung zu altruistischen Zwecken wirklich erleichtern wollen, h\u00e4tte sie die f\u00fcr viele Datenverarbeiter kaum zu erf\u00fcllenden\u00a0<em>Anforderungen der DSGVO lockern<\/em> k\u00f6nnen:<\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Bereichsausnahme:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte mit einem k\u00fchnen Federstrich etwa die Verarbeitung personenbezogener Daten f\u00fcr altruistische Zwecke aus dem Anwendungsbereich der DSGVO herausnehmen k\u00f6nnen. \u00c4hnlich wie bei der &#8222;Haushaltsausnahme&#8220; (<a href=\"https:\/\/dsgvo-gesetz.de\/art-2-dsgvo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Art. 2 II c DSGVO<\/a>) h\u00e4tte sie eine &#8222;Altruismusausnahme&#8220;, eine &#8222;Gemeinwohlausnahme&#8220;, eine &#8222;NGO-Ausnahme&#8220; oder eine <a href=\"https:\/\/twitter.com\/winfriedveil\/status\/1202517911392403456?s=20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Ehrenamtsausnahme&#8220;<\/a>\u00a0schaffen k\u00f6nnen (konkrete Formulierungsvorschl\u00e4ge <a href=\"https:\/\/twitter.com\/winfriedveil\/status\/1068424371839094784?s=20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Das w\u00e4re ein echter Befreiungsschlag gewesen und h\u00e4tte den ersehnten &#8222;boost&#8220; gebracht.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Privilegierung:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte &#8211; etwas weniger ambitioniert &#8211; materiell-rechtliche Erleichterungen f\u00fcr die Verarbeitung zu altruistischen Zwecken vorschlagen k\u00f6nnen. So h\u00e4tte sie den Verantwortlichen bei Interessenabw\u00e4gungen einen &#8222;Abw\u00e4gungsvorsprung&#8220; geben k\u00f6nnen. Oder sie h\u00e4tte die Weiterverarbeitung zu altruistischen Zwecken wie bei den Forschungszwecken (<a href=\"https:\/\/dsgvo-gesetz.de\/art-5-dsgvo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Art. 5 I b DSGVO<\/a>) privilegieren k\u00f6nnen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Zweck\u00e4nderung:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte die gerade f\u00fcr den Datenaltruismus relevante, aber h\u00f6chst umstrittene\u00a0Frage kl\u00e4ren k\u00f6nnen, ob bei einer zweck\u00e4ndernden Weiterverarbeitung eine Kompatibilit\u00e4tspr\u00fcfung ausreichend ist oder ob ein eigenst\u00e4ndiger Erlaubnistatbestand vorliegen muss (<a href=\"https:\/\/dsgvo-gesetz.de\/art-6-dsgvo\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Art. 6 Abs. 4 DSGVO<\/a>).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Allgemein zug\u00e4ngliche Daten:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte wenigstens die Verarbeitung allgemein zug\u00e4nglicher personenbezogener Daten privilegieren k\u00f6nnen, was in der DSGVO &#8222;vergessen&#8220; worden war und nun zu unl\u00f6sbaren Problemen f\u00fchrt (vgl. <a href=\"https:\/\/rsw.beck.de\/rsw\/upload\/ZD\/ZD09-19-Inhalt.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Dallmann\/Busse<\/em>, Verarbeitung von \u00f6ffentlich zug\u00e4nglichen personenbezogenen Daten<\/a>).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Begleitpflichten:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte immerhin &#8211; noch etwas weniger ambitioniert &#8211; auch verfahrensrechtliche Erleichterungen f\u00fcr die Verarbeitung zu altruistischen Zwecken vorsehen k\u00f6nnen &#8211; etwa, dass bei Verarbeitung zu altruistischen Zwecken bestimmte Informations-, Dokumentations-, Nachweis- und Rechenschaftspflichten entfallen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Datenaltruistische Verantwortliche:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte auch eine neue Kategorie von Verantwortlichen schaffen k\u00f6nnen: den &#8222;datenaltruistischen Verantwortlichen&#8220; mit datenschutzrechtlichen Rechten und Pflichten, die dem gemeinwohlorientierten Verarbeitungszweck Rechnung tragen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Datenspenden:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte &#8211;\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ethikrat.org\/fileadmin\/Publikationen\/Stellungnahmen\/deutsch\/stellungnahme-big-data-und-gesundheit.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">wie vom <em>Deutschen Ethikrat<\/em> vorgeschlagen<\/a>\u00a0&#8211; die rechtliche M\u00f6glichkeit f\u00fcr Datenspenden schaffen k\u00f6nnen (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.pingdigital.de\/ce\/datenspende-als-gesetzlicher-zulaessigkeitstatbestand-mit-zustimmungsvorbehalt\/detail.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Florian Sackmann<\/em>, Datenspende als gesetzlicher Zul\u00e4ssigkeitstatbestand mit Zustimmungsvorbehalt<\/a>). Sie\u00a0h\u00e4tte zumindest durch eine Definition der &#8222;Datenspende&#8220; f\u00fcr ein wenig Rechtssicherheit sorgen k\u00f6nnen (vgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/pingdigital.de\/ce\/spende-personenbezogener-daten\/_sid\/VZRB-564999-8hMJ\/detail.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Freiherr von Ulmenstein<\/em>, Spende personenbezogener Daten)<\/a>:<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 90px\"><em>&#8222;Datenspende ist die dauerhafte Hingabe von Daten zur kontextspezifischen informationsgewinnenden Verarbeitung, ohne dass ihr ein unmittelbarer Anreiz gegen\u00fcbersteht und ohne dass die spendende Partei notwendigerweise Einfluss auf die konkrete Verwendung im Einzelfall hat.&#8220;<\/em><\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Einwilligung:<\/span><br \/>\nDie <em>EU-Kommission<\/em> h\u00e4tte alternativ die Voraussetzungen f\u00fcr eine Einwilligung in die Datenverarbeitung zu altruistischen Zwecken festlegen k\u00f6nnen. Doch selbst das \u00fcberl\u00e4sst sie jetzt wieder einem sp\u00e4ter zu erlassenden Durchf\u00fchrungsrechtsakt (Art. 22 DGA-Entwurf).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Gemeinwohl:<\/span><br \/>\nAuch den Gemeinwohlbegriff h\u00e4tte die <em>EU-Kommission<\/em>\u00a0konkretisieren k\u00f6nnen. \u00dcber die Formulierung, dass die Datenverarbeitung zu altruistischen Zwecken &#8222;Ziele von allgemeinem Interesse&#8220; verfolgt, kommt der DGA-Entwurf nicht hinaus.<\/li>\n<\/ul>\n<p>All dies geschah nicht &#8211; und man muss leider hinzuf\u00fcgen: wie zu erwarten war.<br \/>\nDenn: \u00a0Die DSGVO ist anscheinend f\u00fcr die <em>EU-Kommission<\/em> der unantastbare <em>Goldstandard<\/em>:\u00a0Verbesserung ausgeschlossen!<\/p>\n<h3><strong>III. Was die <em>EU-Kommission<\/em> stattdessen macht<\/strong><\/h3>\n<p>Stattdessen macht die <em>EU-Kommission<\/em>, was sie im Zusammenhang mit Daten anscheinend am besten kann:\u00a0 Neue Verfahren festlegen, die Schaffung von Beh\u00f6rden verlangen, Zust\u00e4ndigkeiten ordnen, sich Antrags- und \u00dcberpr\u00fcfungsfristen ausdenken. Darin aber zeigt sie Exzellenz:<\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Register:<\/span><br \/>\nDie Mitgliedstaaten (Art. 15 Abs. 1 DGA-Entwurf) und die EU (Art. 15 II DGA-Entwurf) m\u00fcssen jeweils ein &#8222;Register der anerkannten datenaltruistischen Organisationen&#8220; einrichten.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">G\u00fctesiegel:<\/span><br \/>\nIn diesem Register eingetragene Verantwortliche d\u00fcrfen sich als &#8222;in der Union anerkannte datenaltruistische Organisation&#8220; bezeichnen (Art. 15 Abs. 3 DGA-Entwurf).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Anforderungen:<\/span><br \/>\nVoraussetzung hierf\u00fcr ist, dass die datenaltruistische Organisation Rechtspers\u00f6nlichkeit hat, zur Verfolgung von <span style=\"text-decoration: underline\"><em>Zielen von allgemeinem Interesse<\/em><\/span> gegr\u00fcndet worden ist, selbst <span style=\"text-decoration: underline\"><em>ohne Erwerbszweck<\/em><\/span> t\u00e4tig ist und den Datenaltruismus \u00fcber eine rechtlich unabh\u00e4ngige Struktur betreibt (Art. 16 DGA-Entwurf).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Mindestangaben:<\/span><br \/>\nDer <em>Eintragungsantrag<\/em> der datenaltruistischen Organisation muss zahlreiche Angaben enthalten, die zum Teil im Register ver\u00f6ffentlicht werden (Art. 17 DGA-Entwurf).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Aufzeichnungspflichten:<\/span><br \/>\nDie datenaltruistische Organisation muss vollst\u00e4ndige und genaue <em>Aufzeichnungen<\/em> \u00fcber alle datenverarbeitenden Personen, die Zeitpunkte und Zwecke der Datenverarbeitung sowie etwaige f\u00fcr die Datenverarbeitung erhobenen Geb\u00fchren f\u00fchren (Art. 18 Abs. 1 DGA-Entwurf).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">T\u00e4tigkeitsbericht:<\/span><br \/>\nDie datenaltruistische Organisation muss einen <em>j\u00e4hrlichen T\u00e4tigkeitsbericht<\/em> mit Informationen \u00fcber ihre T\u00e4tigkeiten, \u00fcber die datenverarbeitenden Personen, \u00fcber die verfolgten Zwecke von allgemeinem Interesse, \u00fcber die technischen Mittel, \u00fcber die Ergebnisse und \u00fcber ihre Einnahmequellen erstellen (Art. 18 Abs. 2 DGA-Entwurf).<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline\">Informationspflichten:<\/span><br \/>\nGegen\u00fcber den Betroffenen hat die datenaltruistische Organisation <em>zus\u00e4tzliche<\/em> Informationspflichten\u00a0(Art. 19 DGA-Entwurf).<\/li>\n<\/ul>\n<h3><strong>IV. Verh\u00e4ltnis zur DSGVO<\/strong><\/h3>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">DSGVO unber\u00fchrt:<\/span>\u00a0 Der Verordnungsentwurf stellt ausdr\u00fccklich klar, dass die Anforderungen in Bezug auf die Verarbeitung personenbezogener Daten unber\u00fchrt bleiben (Art. 1 Abs. 2 DGA-Entwurf). Die DSGVO gilt also auch f\u00fcr datenaltruistische Organisationen vollumf\u00e4nglich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">=&gt; Eine\u00a0Organisation, die personenbezogene Daten zu altruistischen Zwecken verarbeiten will, muss somit &#8211; neben diesen neu hinzugef\u00fcgten &#8211; auch noch s\u00e4mtliche Pflichten der DSGVO erf\u00fcllen (nach meiner Z\u00e4hlung sind dies <a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/winfried-veil\/25437610017\/in\/album-72157665806859742\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">68 Pflichten<\/a>).<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Wo ist der Anreiz?<\/span>\u00a0 Man fragt sich, warum sich eine Organisation <em>zus\u00e4tzlich<\/em>\u00a0zu dem ohnehin schon enormen Compliance-Aufwand der DSGVO auch noch den Aufwand einer Anerkennung als datenaltruistische Organisation antun sollte. Der Eintragungsantrag, die zus\u00e4tzlichen Aufzeichnungspflichten, der j\u00e4hrliche T\u00e4tigkeitsbericht und die zus\u00e4tzlichen Pflichten zur Information gegen\u00fcber den Betroffenen w\u00fcrden einen <em>erheblichen Erf\u00fcllungsaufwand<\/em> verursachen. Versch\u00e4rfend kommt hinzu, dass die altruistische Organisation selbst <em>keinen Erwerbszweck<\/em> verfolgen darf.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">=&gt; Die Organisation d\u00fcrfte also neben dem zus\u00e4tzlichen Aufwand mit den aus ihrer Datenverarbeitung gewonnen Erkenntnissen keinerlei &#8222;Geld verdienen&#8220;, was nach der DSGVO nicht unbedingt ausgeschlossen w\u00e4re.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Vertrauensvorschuss:<\/span> \u00a0Dem st\u00fcnde in den Augen der \u00d6ffentlichkeit\u00a0\u00a0unter Umst\u00e4nden die h\u00f6here Vertrauensw\u00fcrdigkeit einer solchen anerkannten datenaltruistischen Organisation gegen\u00fcber. Ob durch ein solches G\u00fctesiegel datenschutzsensible Menschen aber ihre Skepsis gegen\u00fcber einer Datenspende \u00fcberwinden w\u00fcrden, erscheint fraglich.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Selbstlosigkeit?<\/span> \u00a0Umgekehrt d\u00fcrfte es bei Menschen, die &#8222;altruistisch&#8220; genug sind, &#8222;ihre&#8220; Daten einem guten Zweck zur Verf\u00fcgung stellen zu wollen, meist keines weiteren Anreizes bed\u00fcrfen. Wenn der &#8222;<em>Goldstandard DSGVO<\/em>&#8220; nicht gen\u00fcgend Vertrauen in die Verarbeitung personenbezogener Daten schafft, warum sollte es dann die Anerkennung als datenaltruistische Organisation?<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Administrativer Aufwand:<\/span> \u00a0H\u00f6chst problematisch ist auch die <em>doppelte Beh\u00f6rdenstruktur<\/em>, die durch den DGA geschaffen w\u00fcrde. Die Einhaltung der datenschutzrechtlichen Anforderungen w\u00fcrde weiterhin von den jeweils zust\u00e4ndigen Datenschutzaufsichtsbeh\u00f6rden kontrolliert. Die Einhaltung der Voraussetzungen des DGA w\u00fcrde von anderen Beh\u00f6rden kontrolliert, die hierf\u00fcr geschaffen werden m\u00fcssten. Ein <em>Kompetenzwirrwarr<\/em> zwischen Datenschutz- und DGA-Beh\u00f6rden w\u00e4re vorprogrammiert.<\/p>\n<h3><strong>V. Kollateralsch\u00e4den<\/strong><\/h3>\n<p>Der Kommissionsvorschlag ist nicht nur \u00e4rgerlich b\u00fcrokratisch, sondern in erster Linie eine <em>verpasste Chance<\/em>, dem <em>&#8222;Data for Good&#8220;<\/em>-Gedanken Leben einzuhauchen.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Reflexwirkung auf DSGVO:<\/span> \u00a0Noch schlimmer aber ist, dass \u00fcber den Umweg des DGA eine noch\u00a0<em>restriktivere Interpretation<\/em> der DSGVO droht. Nach der DSGVO ist Datenverarbeitung zu altruistischen Zwecken selbstverst\u00e4ndlich grunds\u00e4tzlich zul\u00e4ssig. Da der Verarbeitungszweck in die Interessenabw\u00e4gungen der DSGVO einzustellen ist, d\u00fcrften Verarbeitungen zu altruistischen Zwecken im konkreten Fall oft auch in besonderer Weise geeignet sein, die Zul\u00e4ssigkeitsschwelle zu \u00fcberschreiten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Shift der Best Practice:<\/span> \u00a0Ist der Mechanismus des DGA aber erst einmal etabliert, d\u00fcrfte sich eine &#8222;best practice&#8220; entwickeln, wonach Datenverarbeitungen zu altruistischen Zwecken nur noch nach dem &#8222;Data Governance Act&#8220; als anerkennungsw\u00fcrdig angesehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline\">Blo\u00dfe DSGVO-Compliance als Nachteil:<\/span> \u00a0Verantwortliche, die sich nicht als &#8222;<em>datenaltruistische Organisation<\/em>&#8220; registrieren lassen wollen, k\u00f6nnten unter Druck geraten.\u00a0 <em>Nicht registrierte\u00a0<\/em>datenaltruistische Organisationen gerieten in den Verdacht, weniger vertrauensw\u00fcrdig zu sein, obwohl sie mit dem <em>&#8222;Goldstandard DSGVO&#8220;<\/em> compliant sind.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">=&gt; NGOs, Stiftungen, Ad-hoc-Initiativen und andere Datenverarbeiter w\u00fcrden dadurch gegen\u00fcber nicht-altruistischen Verantwortlichen sogar benachteiligt, weil ihnen faktisch eine zus\u00e4tzliche Registrierung abverlangt w\u00fcrde.<\/p>\n<h3><strong>VI. Fazit<\/strong><\/h3>\n<p>Die EU tr\u00e4umt von einem &#8222;gemeinsamen europ\u00e4ischen Datenraum&#8220;. Der Datenschutz ist und bleibt der Elefant in diesem Datenraum. Wenn die verarbeitungsfeindliche Zwangsjacke der DSGVO nicht einmal f\u00fcr altruistische Zwecke ein bisschen gelockert wird, bleibt die Hoffnung auf Dateninnovationen aus Europa ein frommer Wunsch. Die b\u00fcrokratischen Vorstellungen der <em>EU-Kommission<\/em> jedenfalls drohen jeden Altruismus zu ersticken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die EU-Kommission hat eine neue Verordnung vorgeschlagen: den &#8222;Data Governance Act&#8220; (DGA). Dieser enth\u00e4lt Regelungen, die mit &#8222;Datenaltruismus&#8220; \u00fcberschrieben sind. Hinter der wohlklingenden Wortsch\u00f6pfung verbirgt sich der Versuch, die Datennutzung f\u00fcr Gemeinwohlzwecke zu f\u00f6rdern. Doch leider bleibt es beim untauglichen Versuch. 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