{"id":5190,"date":"2020-06-30T15:28:39","date_gmt":"2020-06-30T14:28:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=5190"},"modified":"2020-07-01T10:09:20","modified_gmt":"2020-07-01T09:09:20","slug":"datenschutzbehoerde-verhaengt-bei-leichtem-verstoss-12-mio-euro-bussgeld-bewertung-und-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2020\/06\/30\/datenschutzbehoerde-verhaengt-bei-leichtem-verstoss-12-mio-euro-bussgeld-bewertung-und-folgen\/","title":{"rendered":"Datenschutzbeh\u00f6rde verh\u00e4ngt bei leichtem Versto\u00df 1,2 Mio. Euro Bu\u00dfgeld &#8211; Bewertung und Folgen"},"content":{"rendered":"<p><em>Der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-W\u00fcrttemberg (LfDI) hat gegen eine gesetzliche Krankenkasse ein Bu\u00dfgeld in H\u00f6he von EUR 1,24 Mio. verh\u00e4ngt. Die entsprechende Pressemeldung des LfDI vom 30. Juni 2020 finden Sie <a href=\"https:\/\/www.baden-wuerttemberg.datenschutz.de\/lfdi-baden-wuerttemberg-verhaengt-bussgeld-gegen-aok-baden-wuerttemberg-wirksamer-datenschutz-erfordert-regelmaessige-kontrolle-und-anpassung\/\">hier<\/a>. Der \u00dcberblick hier\u00a0beschreibt die Hintergr\u00fcnde des Bu\u00dfgelds und zeigt, warum sich Unternehmen k\u00fcnftig auf h\u00f6here Bu\u00dfgelder einstellen m\u00fcssen. Zudem gibt er Handlungsempfehlungen zur Vermeidung von Bu\u00dfgeldern.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Die Spielregeln f\u00fcr ein eskalierendes Bu\u00dfgeldverfahren haben Prof. Niko H\u00e4rting und Lasse Konrad im Frage-Antwort-Format\u00a0im gerade neu erschienenen Leitfaden zusammengestellt:<em><br \/>\n<\/em><a href=\"https:\/\/www.otto-schmidt.de\/dsgvo-im-praxistest-9783504560782\" rel=\"noopener\"><em>H\u00e4rting\/Konrad<br \/>\n<\/em><strong>DSGVO im Praxistest<\/strong><br \/>\nErmittlungen, Bu\u00dfgelder, Verfahren<br \/>\nK\u00f6ln (Otto Schmidt) Juni 2020<\/a><\/p>\n<p><strong>Zugrundeliegender Sachverhalt f\u00fcr das\u00a0Bu\u00dfgeld: Unzul\u00e4ssige Verarbeitung von Daten von \u00fcber 500 Personen<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Pressemeldung soll die Krankenkasse in den Jahren 2015 bis 2019 Gewinnspiele durchgef\u00fchrt haben. Dabei erhob sie personenbezogene Daten der Teilnehmer, darunter auch Kontaktdaten und Informationen \u00fcber die Krankenkassenzugeh\u00f6rigkeit. Sofern die Teilnehmer hierzu eingewilligt hatten, wollte die Krankenkasse diese Daten zu Werbezwecken nutzen. Die Krankenkasse wollte dabei durch technische und organisatorische Ma\u00dfnahmen sicherstellen, dass nur die Daten solcher Teilnehmer zu Werbezwecken verwendet wurden, die eine entsprechende Einwilligung erteilt hatten. Hierbei war es offenbar zu Fehlern gekommen. Dadurch wurden die personenbezogenen Daten von mehr als 500 Gewinnspielteilnehmern ohne deren Einwilligung zu Werbezwecken verwendet. Der LfDI verwies in seiner Pressemeldung ausdr\u00fccklich darauf, dass Daten von Versicherten der Krankenkasse von diesem Vorfall jedoch nicht betroffen waren.<\/p>\n<p><strong>Ansatz des LfDI: Versto\u00df gegen Art. 32 DSGVO, Sicherheit der Verarbeitung<\/strong><\/p>\n<p>Der LfDI bewertete den Vorgang als Versto\u00df gegen Art. 32 DSGVO. Nach dieser Vorschrift m\u00fcssen datenschutzrechtlich Verantwortliche und Auftragsverarbeiter <em>&#8222;geeignete technische und organisatorische Ma\u00dfnahmen&#8220;<\/em> treffen, um ein dem Risiko einer Datenverarbeitung angemessenes Schutzniveau zu gew\u00e4hrleisten. Bei Verst\u00f6\u00dfen gegen die gesetzlichen Vorgaben zur Datensicherheit drohen bekanntlich Bu\u00dfgelder von bis zu EUR 10 Mio. oder von bis zu 2 Prozent des weltweit erzielten Jahresumsatzes, Art. 83 Abs. 4 lit. a DSGVO.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Reaktion des Verletzers: Umfassende Kooperation und Schadensminderungsma\u00dfnahmen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Unmittelbar nach Bekanntwerden des Vorwurfs stoppte die Krankenkasse ihre Vertriebsma\u00dfnahmen und \u00fcberpr\u00fcfte s\u00e4mtliche Abl\u00e4ufe. Sie passte interne Prozesse und Kontrollstrukturen an. Weitere Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung des Datenschutzes sollen in enger Abstimmung mit dem LfDI erfolgen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kriterien f\u00fcr die Festlegung des Bu\u00dfgelds<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">&#8211; <span style=\"text-decoration: underline;\">&#8222;leichter Versto\u00df&#8220;:<\/span>\u00a0 Verglichen mit anderen in der Vergangenheit bekannt gewordenen Datenschutzverst\u00f6\u00dfen scheint die versehentliche Verarbeitung der Daten von 500 betroffenen Personen f\u00fcr Werbezwecke eher ein leichter Versto\u00df zu sein.<br \/>\n&#8211; <span style=\"text-decoration: underline;\">Bu\u00dfgeldrahmen:<\/span>\u00a0 Zudem gilt f\u00fcr Verst\u00f6\u00dfe gegen Art. 32 DSGVO der &#8222;kleine Bu\u00dfgeldrahmen&#8220; des Art. 83 Abs. 4 DSGVO. Bei schwereren Verst\u00f6\u00dfen drohen nach Art. 83 Abs. 5 DSGVO Bu\u00dfgelder von bis zu EUR 20 Mio. oder bis zu 4 % des Jahresumsatzes.<br \/>\n&#8211; <span style=\"text-decoration: underline;\">betroffene Personen:<\/span>\u00a0 Auch die eher \u00fcberschaubare Anzahl von 500 betroffenen Personen d\u00fcrfte sich nicht bu\u00dfgelderh\u00f6hend ausgewirkt haben.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">&#8211; <span style=\"text-decoration: underline;\">F\u00fcr\u00a0 eine Bu\u00dfgeldminderung<\/span> sprachen laut LfDI auch die konstruktive Kooperation der Krankenkasse mit der Beh\u00f6rde und die schnellen Anpassungen der <em>technischen und organisatorischen Ma\u00dfnahmen<\/em>. Dadurch konnte in kurzer Zeit eine Steigerung des Schutzniveaus f\u00fcr personenbezogene Daten erreicht werden.<br \/>\n&#8211; Neben der <span style=\"text-decoration: underline;\">Gr\u00f6\u00dfe<\/span> und <span style=\"text-decoration: underline;\">Bedeutung<\/span> der Krankenkasse ber\u00fccksichtigte der LfDI auch, dass diese ein <span style=\"text-decoration: underline;\">wichtiger Bestandteil des Gesundheitssystems<\/span> sei:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 120px;\">&#8222;<em>Weil Bu\u00dfgelder nach der DS-GVO nicht nur wirksam und abschreckend, sondern auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sein m\u00fcssen, war bei der Bestimmung der Bu\u00dfgeldh\u00f6he sicherzustellen, dass die Erf\u00fcllung dieser gesetzliche Aufgabe nicht gef\u00e4hrdet wird.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p><strong>Bewertung des verh\u00e4ngten Bu\u00dfgelds<\/strong><\/p>\n<p>Eine umfassende Analyse der Entscheidung des LfDI wird erst nach Pr\u00fcfung des entsprechenden Bu\u00dfgeldbescheids m\u00f6glich sein. Aber bereits die Pressemeldung der Beh\u00f6rde gibt Anlass zum Aufhorchen. Denn danach scheint es so, als habe die Beh\u00f6rde einen eher leichten und zudem fahrl\u00e4ssigen Versto\u00df trotz zahlreicher bu\u00dfgeldmindernder Umst\u00e4nde zum Anlass genommen, ein Bu\u00dfgeld von immerhin \u00fcber 1,2 Millionen zu verh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zeigt das vom LfDI verh\u00e4ngte Bu\u00dfgeld, dass die deutschen und anderen europ\u00e4ischen Datenschutzbeh\u00f6rden zunehmend von ihren erweiterten Sanktionsbefugnissen Gebrauch machen. Erst k\u00fcrzlich hatte der <em>Conseil d&#8217;Etat<\/em> als zust\u00e4ndiges Gericht ein von der franz\u00f6sischen Datenschutzaufsicht verh\u00e4ngtes Bu\u00dfgeld in H\u00f6he von EUR 50 Mio. best\u00e4tigt (dazu ausf\u00fchrlich <a href=\"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2020\/06\/23\/gericht-bestaetigt-50-millionen-euro-dsgvo-bussgeld\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Wybitul<\/em>, &#8222;Gericht best\u00e4tigt 50 Millionen Euro DSGVO-Bu\u00dfgeld&#8220;, CRonline Blog v. 23.6.2020<\/a>).<\/p>\n<p><strong>H\u00f6here Bu\u00dfgelder durch das\u00a0neue Berechnungsmodell der deutschen Beh\u00f6rden?<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise best\u00e4tigt die aktuelle Bu\u00dfgeldentscheidung des LfDI auch die Annahme vieler Experten, dass die Anwendung des Bu\u00dfgeldmodells der deutschen Beh\u00f6rden in der Praxis zu sehr hohen Bu\u00dfgeldern f\u00fchren kann (zu den europa- und verfassungsrechtlichen Schw\u00e4chen dieses Bu\u00dfgeldkonzepts ausf\u00fchrlich\u00a0<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=cr.2019.12.i.0782.01.a\" rel=\"noopener\"><em>Timner\/Radlanski\/Eisenfeld<\/em>, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:782%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:cr%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">CR 2019, 782<\/a>-788<\/a>).<\/p>\n<p>Zudem scheint sich hier ein Trend zu h\u00f6heren Bu\u00dfgeldern auch bei geringeren Verst\u00f6\u00dfen abzuzeichnen. So betrug das erste vom LfDI unter Geltung der DSGVO verh\u00e4ngte Bu\u00dfgeld noch EUR 20.000. Weitere Information zu dem Verfahren\u00a0 und zu den Gr\u00fcnden f\u00fcr die geringe Sanktion finden sie <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/digitec\/dsgvo-datenschuetzer-bestrafen-massenhaften-datenklau-15903347.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Einen \u00dcberblick mit den wichtigsten Fragen und Antworten zum Bu\u00dfgeldmodell finden Sie <a href=\"https:\/\/www.lathamgermany.de\/2019\/10\/qa-liste-zum-neuen-dsgvo-busgeldmodell-der-datenschutzkonferenz-dsk\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>. Einen englischsprachige Zusammenfassung mit Handlungsempfehlungen zur Vermeidung von Bu\u00dfgeldern k\u00f6nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.lathamgermany.de\/2019\/01\/5-ways-for-companies-to-limit-gdpr-penalties\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> abrufen. Ein interessantes Interview mit der Landesdatenschutzbeauftragten Niedersachsen, Frau <em>Barbara Thiel<\/em> zu der Bu\u00dfgeldpraxis der deutschen Datenschutzbeh\u00f6rden finden Sie <a href=\"https:\/\/www.lathamgermany.de\/2019\/12\/aktuelles-zu-busgeldern-wegen-datenschutzverstosen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts:<\/span> Ein weiterer interessanter Aspekt dieser Beh\u00f6rdenentscheidung ist, dass sie das Bu\u00dfgeld gegen eine K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts verh\u00e4ngt hat.<\/p>\n<ul>\n<li><em>Grundsatz:<\/em><br \/>\n\u00a7 43 Abs. 3 BDSG sieht vor, dass gegen Beh\u00f6rden oder sonstige \u00f6ffentliche Stellen keine Geldbu\u00dfen verh\u00e4ngt werden.<\/li>\n<li><em>Ausnahme:<\/em><br \/>\nAllerdings gilt dies nicht, soweit sie als \u00f6ffentlich-rechtliche Unternehmen am Wettbewerb teilnehmen, \u00a7 2 Abs. 5 BDSG. Eine \u00e4hnliche Regelung enth\u00e4lt \u00a7 2 Abs. 6 LDSG Baden-W\u00fcrttemberg. Offenbar hat der LfDI von dieser Ausnahmeregelung hier Gebrauch gemacht. Gerade \u00f6ffentliche Stellen, die als sogenannte &#8220; Wettbewerbsunternehmen&#8220; am Wirtschaftsleben teilnehmen, sollten dies zum Anlass nehmen, m\u00f6gliche Bu\u00dfgeldrisiken entsprechend zu bewerten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Keine gerichtliche Kl\u00e4rung:<\/span>\u00a0 Zu einer gerichtlichen \u00dcberpr\u00fcfung des verh\u00e4ngten Bu\u00dfgelds wird es wohl nicht kommen. Ausweislich einer <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/inhalt.aok-baden-wuerttemberg-datenmissbrauch-bei-gewinnspiel-versicherung-droht-millionen-strafe.9b9f58af-3be1-4fbd-9712-95d771ccc8f1.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meldung der Stuttgarter Nachrichten<\/a> soll sich die Krankenkasse entschlossen haben, den Bu\u00dfgeldbescheid zu akzeptieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Landesbeauftragte f\u00fcr den Datenschutz und Informationsfreiheit Baden-W\u00fcrttemberg (LfDI) hat gegen eine gesetzliche Krankenkasse ein Bu\u00dfgeld in H\u00f6he von EUR 1,24 Mio. verh\u00e4ngt. Die entsprechende Pressemeldung des LfDI vom 30. Juni 2020 finden Sie hier. Der \u00dcberblick hier\u00a0beschreibt die Hintergr\u00fcnde des Bu\u00dfgelds und zeigt, warum sich Unternehmen k\u00fcnftig auf h\u00f6here Bu\u00dfgelder einstellen m\u00fcssen. 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