{"id":5069,"date":"2020-06-12T14:00:43","date_gmt":"2020-06-12T13:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=5069"},"modified":"2020-07-15T12:37:24","modified_gmt":"2020-07-15T11:37:24","slug":"teil-3-bussgelder-aufgrund-von-datenschutzverstoessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2020\/06\/12\/teil-3-bussgelder-aufgrund-von-datenschutzverstoessen\/","title":{"rendered":"Bu\u00dfgelder aufgrund von Datenschutzverst\u00f6\u00dfen (Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Nach dem Ausflug in die <a href=\"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=5060&amp;preview=true\">\u00d6sterreichische Rechtsprechung<\/a>, welche sich im \u00dcbrigen sehr gut auf die deutsche Rechtslage \u00fcbertragen l\u00e4sst, widmen sich dieser kurze Schlussbeitrag wieder denen in Deutschland geltenden Normen und stellen die Vereinbarkeit der \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG mit Art. 83 DSGVO in Frage.<\/p>\n<p><strong>Vereinbarkeit nationalen Rechts mit Art. 83 DSGVO<\/strong><\/p>\n<p>Offensichtlich erschweren die \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG die Verh\u00e4ngung von Bu\u00dfgelder gegen Unternehmen erheblich. Dies widerspricht der Intention des Art. 83 DSGVO. Fraglich ist, ob die \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG daher einschr\u00e4nkend ausgelegt werden m\u00fcssen:<\/p>\n<ul>\n<li><u>Erg\u00e4nzungsbed\u00fcrftige L\u00fccke:<\/u> Hiergegen spricht jedoch prim\u00e4r, dass Art. 83 DSGVO selbst die zentrale Frage von Zurechnungskriterien f\u00fcr das Fehlverhalten von Mitarbeitern und Dienstleistern vollst\u00e4ndig offen l\u00e4sst. Dieses \u201eVakuum\u201c kann nur durch das Recht der Mitgliedstaaten ausgef\u00fcllt werden. So im \u00dcbrigen auch die Argumentation des <a href=\"https:\/\/www.ris.bka.gv.at\/Dokument.wxe?ResultFunctionToken=f1dd8ce0-4741-406a-9e73-7833b32cff74&amp;Position=1&amp;SkipToDocumentPage=True&amp;Abfrage=Vwgh&amp;Entscheidungsart=Undefined&amp;Sammlungsnummer=&amp;Index=&amp;AenderungenSeit=Undefined&amp;SucheNachRechtssatz=True&amp;SucheNachText=True&amp;GZ=&amp;VonDatum=&amp;BisDatum=11.06.2020&amp;Norm=&amp;ImRisSeitVonDatum=&amp;ImRisSeitBisDatum=&amp;ImRisSeit=EinerWoche&amp;ResultPageSize=100&amp;Suchworte=&amp;Dokumentnummer=JWT_2019040229_20200512J00\">VwGH<\/a>.<\/li>\n<li><u>Ma\u00dfstab:<\/u> \u00dcberdies l\u00e4sst sich in Art. 83 DSGVO kein tauglicher Ma\u00dfstab entnehmen, um festzulegen inwieweit eine Einschr\u00e4nkung der \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG vorzunehmen ist.<\/li>\n<li><u>Schuldprinzip:<\/u> Zuletzt folgt aus dem Umstand, dass den beiden Vorschriften das Schuldprinzip zugrunde liegt (<em>nulla poena sine culpa<\/em>), dass niemand f\u00fcr eine Tat bestraft werden darf, wenn ihn keine Schuld trifft, sodass ein Versto\u00df gegen das Schuldprinzip vorlege, w\u00fcrde ohne entsprechende Feststellung von Person und Handlung eine Zurechnung zum Nachteil der juristischen Person angenommen werden.<\/li>\n<li><u>Verfassungsidentit\u00e4t:<\/u> Dieses Prinzip ist \u201eeuropafest\u201c, da es zu der unverf\u00fcgbaren Verfassungsidentit\u00e4t geh\u00f6rt (Art. 79 Abs. 3 GG). Dies hat das Bundesverfassungsgericht explizit best\u00e4tigt (Urteil vom 30.6.2009, Az. 2 BvF 2\/08 u.a., Rn. 364). Folgend aus dem Umstand, dass das BVerfG in seinem Lissabon-Urteil das Schuldprinzip aus der Menschenw\u00fcrde-Garantie ableitet (Art. 1 Abs. 1 GG) wird teilweise bestritten, dass das Schuldprinzip auch auf juristische Personen anwendbar ist, da diese keine Menschenw\u00fcrde haben. Dieser Ansatz verkennt jedoch, dass das Rechtsstaatsprinzip die zweite Wurzel des Schuldprinzips darstellt (BVerfG vom 25.10.1966, Az. 2 BvR 506\/63). Eine \u201eVergeltung f\u00fcr einen Vorgang, den der Betroffene nicht zu verantworten hat\u201c (BVerfG, aaO), darf es in einem Rechtsstaat nicht geben. Dies gilt damit sowohl f\u00fcr nat\u00fcrliche als auch f\u00fcr juristische Personen. Folglich sind die \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG mit Art. 83 DSGVO vereinbar.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ein Datenschutzversto\u00df \u201edurch das Unternehmen\u201c ist unzureichend um eine Zurechnung zu bejahen. Vielmehr ist eine konkrete Bestimmung einer nat\u00fcrlichen Person und dessen Handlung oder Unterlassung notwendig, die gegen die DSGVO versto\u00dfen haben. Dabei ist erforderlich, dass einem Mitarbeiter in <u>leitender Funktion ein Verschulden<\/u> (\u00a7 30 OWiG) oder die <u>Verletzung einer Aufsichtspflicht<\/u> (\u00a7 130 OWiG) nachgewiesen wird um der juristischen Person eine Datenschutzverletzung zurechnen. Dies stellt die Beh\u00f6rde vor die Aufgabe, die Unternehmensstruktur der juristischen Person darzulegen, um im Einzelfall feststellen zu k\u00f6nnen, welche Handlung durch welche Person zugerechnet werden soll. Die beiden \u00f6sterreichischen Urteile verdeutlicht dies und zeigt den Datenschutzbeh\u00f6rden klar auf, dass mehr als nur ein Datenschutzversto\u00df vorzuweisen ist, um ein Bu\u00dfgeld zu verh\u00e4ngen. Es ist davon auszugehen, dass die deutschen Strafgerichte bei der \u00dcberpr\u00fcfung eines Bu\u00dfgeldbescheides dieselben oder zumindest sehr \u00e4hnliche Grunds\u00e4tze anwenden werden, sodass die deutschen Datenschutzbeh\u00f6rden f\u00fcr den Erlass eines Bu\u00dfgeldbescheides f\u00fcr einen noch so offensichtlichen Datenschutzversto\u00df eines Unternehmens, den hohen H\u00fcrden der \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG gen\u00fcgen m\u00fcssen. Hierum sind die Datenschutzbeh\u00f6rden nicht zu beneiden.<\/p>\n<p>Mehr zu dieser und weiteren Fragen zum dreigeteilten Bu\u00dfgeldverfahren k\u00f6nnen Sie im <a href=\"https:\/\/www.otto-schmidt.de\/dsgvo-im-praxistest-9783504560782\"><em>H\u00e4rting\/Konrad, DSGVO im Praxistest, Ermittlungen \u2013 Bu\u00dfgelder \u2013 Verfahren<\/em><\/a> ab dem 22.06.2020 nachlesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Ausflug in die \u00d6sterreichische Rechtsprechung, welche sich im \u00dcbrigen sehr gut auf die deutsche Rechtslage \u00fcbertragen l\u00e4sst, widmen sich dieser kurze Schlussbeitrag wieder denen in Deutschland geltenden Normen und stellen die Vereinbarkeit der \u00a7\u00a7 30 und 130 OWiG mit Art. 83 DSGVO in Frage. 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