{"id":4805,"date":"2019-11-05T22:44:52","date_gmt":"2019-11-05T21:44:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=4805"},"modified":"2019-11-06T12:40:59","modified_gmt":"2019-11-06T11:40:59","slug":"duennes-eis-berliner-datenschuetzer-verhaengen-millionenbussgeld","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2019\/11\/05\/duennes-eis-berliner-datenschuetzer-verhaengen-millionenbussgeld\/","title":{"rendered":"D\u00fcnnes Eis: Berliner Datensch\u00fctzer verh\u00e4ngen Millionenbu\u00dfgeld"},"content":{"rendered":"<p>Im Wettbewerb um hohe Bu\u00dfgelder hat sich die Berliner Datenschutzbeh\u00f6rde (<em>BlnBDI<\/em>) weit vorgewagt. <span style=\"text-decoration: underline;\">14,5 Millionen EUR<\/span> soll <em>Deutsche Wohnen<\/em> bezahlen. Wer jetzt den \u201eMut\u201c der Berliner Datensch\u00fctzer feiert, k\u00f6nnte sich zu fr\u00fch freuen. Der Bu\u00dfgeldbescheid d\u00fcrfte auf d\u00fcnnem Eis stehen.<\/p>\n<p><strong>Dilemma zwischen DSGVO und gesetzlicher Archivierung<\/strong><\/p>\n<p>Ausweislich der Pressemitteilung der Berliner Beh\u00f6rde (<a href=\"https:\/\/www.datenschutz-berlin.de\/fileadmin\/user_upload\/pdf\/pressemitteilungen\/2019\/20191105-PM-Bussgeld_DW.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>BlnBDI<\/em>, &#8222;<span style=\"font-size: medium;\">Berliner Datenschutzbeauftragte verh\u00e4ngt Bu\u00dfgeld gegen Immobiliengesellschaft<\/span>&#8220; v. 5.11.2019<\/a>) geht es um die Verfahrensweise bei der Archivierung alter Vorg\u00e4nge. Nach den Regeln der digitalen Archivierungskunst erfolgt eine solche Archivierung <span style=\"text-decoration: underline;\">\u201erevisionssicher\u201c<\/span>. Die Vorg\u00e4nge werden in einer Form aufbewahrt, die sp\u00e4tere Ver\u00e4nderungen ausschlie\u00dft. Einzelne Daten k\u00f6nnen aus revisionssicher archivierten Akten nicht gel\u00f6scht werden.<\/p>\n<p>Die \u201eRevisionssicherheit\u201c dient dazu, <span style=\"text-decoration: underline;\">gesetzliche Aufbewahrungspflichten<\/span> zu erf\u00fcllen. Man sch\u00fctzt sich vor dem Verdacht (eines Finanzamts oder anderer Stellen), nachtr\u00e4glich Manipulationen vorgenommen zu haben, indem man eine L\u00f6sung w\u00e4hlt, die keine Ver\u00e4nderungen zul\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Notwendige Gewichtung<\/strong><\/p>\n<p>Der Konflikt mit dem Datenschutz ist vorprogrammiert:<\/p>\n<ul>\n<li><em>DSGVO vs. Steuerrecht:<\/em>\u00a0 Darf man Kunden-, Arbeitnehmer-, Mieterdaten archivieren und in digitalen Akten jahrelang aufbewahren, um steuerrechtliche Aufbewahrungspflichten zu erf\u00fcllen?<\/li>\n<li><em>Rechtsgrundlage:<\/em>\u00a0 Ist dies durch <span style=\"text-decoration: underline;\">Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. c DSGVO<\/span> (Datenverarbeitung zur <span style=\"text-decoration: underline;\">Erf\u00fcllung gesetzlicher Pflichten<\/span>) gedeckt?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dies ist h\u00f6chst streitig und h\u00e4ngt letztlich davon ab, ob man die (\u201erevisionssichere\u201c) Aufbewahrungspflicht oder den Datenschutz h\u00f6her gewichtet. Eine Frage, die jeder Praktiker aus der t\u00e4glichen Arbeit kennt. Einfache Antworten gibt es nicht.<\/p>\n<p><strong>Ansatz der BlnBDI<\/strong><strong>: DSGVO sticht Steuerrecht<\/strong><\/p>\n<p>Auff\u00e4llig an der Berliner Pressemeldung ist der Trick, mit der die Datenschutzbeh\u00f6rde Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. c DSGVO ausgewichen ist. Statt Farbe zu bekennen, wann nach Auffassung der Beh\u00f6rde trotz bestehender Aufbewahrungspflichten Daten gel\u00f6scht werden m\u00fcssen, \u00fcbt man Systemkritik und stellt sich auf den &#8211; gewagten &#8211; Standpunkt, dass <span style=\"text-decoration: underline;\">revisionssichere Archivierungssysteme nicht DSGVO-konform<\/span> sind. Gewagt ist dies in mehrfacher Hinsicht:<\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Absoluter DSGVO-Vorrang?<\/span><br \/>\nZum einen impliziert die beh\u00f6rdliche Sichtweise einen absoluten Vorrang des Datenschutzes vor einer Dokumentation erf\u00fcllter Aufbewahrungspflichten. Wenn der Bu\u00dfgeldbescheid im gerichtlichen Verfahren Bestand hat, werden viele Organisationen und Unternehmen neue Softwarel\u00f6sungen f\u00fcr die Dokumentation ben\u00f6tigen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Bestimmtheitsgebot?<\/span><br \/>\nZum anderen st\u00fctzt die Beh\u00f6rde den Bescheid auf Art. 5 DSGVO und auf Arr. 25 Abs. 1 DSGVO (Privacy by Design) und damit auf Grunds\u00e4tze und <span style=\"text-decoration: underline;\">unbestimmte Rechtsbegriffe<\/span>. Viele Kommentatoren bezweifeln, dass sich auf diese Vorschriften Bu\u00dfgeldbescheide st\u00fctzen lassen, die dem rechtsstaatlichen Bestimmtheitsgebot standhalten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Prognose<\/strong><\/p>\n<p>Der Trick der Berliner Beh\u00f6rde k\u00f6nnte zum <span style=\"text-decoration: underline;\">Bumerang<\/span> werden. Mit dem R\u00fcckgriff auf \u201ePrivacy by Design\u201c hat sich die Beh\u00f6rde die M\u00fche erspart, konkret zu sagen, welche Mieterdaten zu welchem Zeitpunkt h\u00e4tten gel\u00f6scht werden m\u00fcssen. Zugleich hat die Beh\u00f6rde jedoch einen Bescheid erlassen, der auf t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen steht. Der Einspruch, den <em>Deutsche Wohnen<\/em> eingelegt hat, d\u00fcrfte <span style=\"text-decoration: underline;\">gute Erfolgschancen<\/span> haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Wettbewerb um hohe Bu\u00dfgelder hat sich die Berliner Datenschutzbeh\u00f6rde (BlnBDI) weit vorgewagt. 14,5 Millionen EUR soll Deutsche Wohnen bezahlen. Wer jetzt den \u201eMut\u201c der Berliner Datensch\u00fctzer feiert, k\u00f6nnte sich zu fr\u00fch freuen. Der Bu\u00dfgeldbescheid d\u00fcrfte auf d\u00fcnnem Eis stehen. 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