{"id":4443,"date":"2019-03-29T15:47:44","date_gmt":"2019-03-29T14:47:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=4443"},"modified":"2019-04-12T08:25:56","modified_gmt":"2019-04-12T07:25:56","slug":"mit-der-dsgvo-zum-golden-handshake-von-der-sprengkraft-des-rechts-auf-kopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2019\/03\/29\/mit-der-dsgvo-zum-golden-handshake-von-der-sprengkraft-des-rechts-auf-kopie\/","title":{"rendered":"Mit der DSGVO zum &#8222;Golden Handshake&#8220; &#8211; von der Sprengkraft des &#8222;Rechts auf Kopie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Zu Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO wird im Aprilheft der CR ein Beitrag von mir erscheinen (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=cr.2019.04.i.0219.01.a\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">H\u00e4rting, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:219%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:cr%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">CR 2019, 219<\/a> &#8211; 225<\/a>).\u00a0Ein j\u00fcngst bekannt gewordenes arbeitsgerichtliches Urteil gibt Anlass zu einer \u201eSneak Preview\u201c<\/em><\/p>\n<p>Das LAG Baden-W\u00fcrttemberg hat den Automobilkonzern <em>Daimler<\/em> verurteilt, einem langj\u00e4hrigen Mitarbeiter<\/p>\n<blockquote><p>\u201eeine Kopie seiner personenbezogenen <span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Leistungs- und Verhaltensdaten<\/em><\/span>, die Gegenstand der von ihr [Daimler] vorgenommenen Verarbeitung sind, zur Verf\u00fcgung zu stellen.\u201c<br \/>\n[LAG Baden-W\u00fcrttemberg v. 20.12.2018 &#8211;\u00a0Az. 17 Sa 11\/18 (Hervorhebung hinzugef\u00fcgt)]<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Worst Case Scenario<\/strong><\/p>\n<p>Ein Albtraum f\u00fcr <em>Daimler<\/em>. Der Kl\u00e4ger ist dort seit 2007 als Mitarbeiter der Rechtsabteilung besch\u00e4ftigt, das Verh\u00e4ltnis seit Jahren angespannt. \u201eLeistungs- und Verhaltensdaten\u201c sind schwammige Begriffe. Und in Akten und E-Mails, in Vermerken und Protokollen werden sich zahlreiche Angaben zur Person des Kl\u00e4gers finden, die sich als \u201eLeistungsdaten\u201c oder \u201eVerhaltensdaten\u201c bezeichnen lassen. Weiterer Streit ist vorprogrammiert.<\/p>\n<p>Der Kl\u00e4ger ist kein Sozialfall. Jahreseinkommen zuletzt mehr als 150.000 EUR plus stattlichem Bonus. M\u00fcssen Arbeitgeber bef\u00fcrchten, dass auch andere Besserverdiener die DSGVO demn\u00e4chst trickreich nutzen werden, um Druck auf Arbeitgeber auszu\u00fcben? Geh\u00f6rt es schon bald zum Standardrepertoire eines geschassten Vorstands, die Aussichten auf einen \u00fcppig vergoldeten \u201eHandshake\u201c mit weitreichenden DSGVO-Auskunftsverlangen zu verbessern?<\/p>\n<p><strong>Recht auf Kopie<\/strong><\/p>\n<p>Das <em>Recht auf Kopie<\/em>, um das es in dem <em>Daimler<\/em>-Fall geht, ist hierzulande neu. Nach dem alten BDSG gab es in \u00a7 34 nur ein Auskunftsrecht. Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO erg\u00e4nzt das Auskunftsrecht durch eine Verpflichtung des Datenverarbeiters, dem Betroffenen \u201eeine Kopie der personenbezogenen Daten\u201c, zur Verf\u00fcgung zu stellen, \u201edie Gegenstand der Verarbeitung sind\u201c.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Wortlaut<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Dem Wortlaut nach l\u00e4sst sich Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO so verstehen, dass dem Betroffenen jede E-Mail in Kopie herauszugeben ist, die er je geschrieben oder empfangen hat. Jedes Dokument, jede Notiz und jeder Vermerk, in dem der Betroffene namentlich erw\u00e4hnt wird, l\u00e4sst sich zwanglos unter den Wortlaut des Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO subsumieren. Selbst wenn der Betroffene in einer Mail weder namentlich noch als Absender oder Empf\u00e4nger in Erscheinung tritt, kann sich die Mail auf seine Person beziehen, wenn die Mail sich zu Vorg\u00e4ngen verh\u00e4lt, an denen der Betroffene beteiligt war.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Kommentarliteratur<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Schaut man in die Kommentierungen zu Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO, bemerkt man zumeist ein deutliches St\u00f6rgef\u00fchl, das die Autoren beschleicht, wenn sie sich die potenzielle Reichweite des <em>Rechts auf Kopie<\/em> vor Augen f\u00fchren. Eine \u00fcberzeugende Eingrenzung gelingt den Kommentatoren jedoch nur selten. Dies gilt insbesondere f\u00fcr verbreitete Versuche, Unterschiede zwischen dem <em>Auskunftsrecht<\/em> und dem <em>Recht auf Kopie<\/em> zu leugnen. Wenn es bei <em>Franck <\/em>etwa hei\u00dft, die Kopie sei \u201ekeine Sonderform, sondern der Grundtatbestand der Auskunftserteilung\u201c, kratzt man sich den Kopf und versteht nicht, was der Verfasser eigentlich sagen m\u00f6chte (<em>Franck<\/em> in Gola, DSGVO, 2. Aufl. 2018, Art. 15, Rn. 27). Ratlos bleibt man auch, wenn man bei <em>Schantz<\/em> liest, es gehe bei Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO um nicht mehr als um eine \u201ebesondere Form der Auskunftserteilung\u201c (<em>Schantz<\/em> in Schantz\/Wolff, Das neue Datenschutzrecht, Rn 1199).<\/p>\n<p><strong>Ansatz des LAG Baden-W\u00fcrttemberg<\/strong><\/p>\n<p><em>Franck, Schantz<\/em> und andere Autoren, die nicht zwischen Auskunft und Kopie unterscheiden, kommen in dem <em>Daimler<\/em>-Urteil des LAG Baden-W\u00fcrttemberg gar nicht erst zu Wort. Stattdessen bejaht das LAG mit einem schlichten Anspruch das <em>Recht auf Kopie<\/em> s\u00e4mtlicher \u201eLeistungs- und Verhaltensdaten\u201c:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDer Anspruch auf Herausgabe einer Kopie der Daten ergibt sich aus Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO.\u201c<br \/>\n(LAG Baden-W\u00fcrttemberg vom 20.12.2018, Az. 17 Sa 11\/18, Rdnr. 177)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das LAG, das die Revision zum Bundesarbeitsgericht (BAG) zugelassen hat, hat noch recht ausf\u00fchrlich erwogen, ob sich wegen \u00fcberwiegender Geheimhaltungsinteressen aus \u00a7 29 Abs. 1 Satz 2 BDSG Einschr\u00e4nkungen des <em>Rechts auf Kopie<\/em> ergeben k\u00f6nnen, dies jedoch im konkreten Fall verneint, da es an hinreichend konkretem Sachvortrag zu diesen Geheimhaltungsinteressen fehlte (LAG Baden-W\u00fcrttemberg vom 20.12.2018, Az. 17 Sa 11\/18, Rdnr. 179 ff.).<\/p>\n<p><strong>Grenze der Zumutbarkeit<\/strong><\/p>\n<p>Nicht befasst hat sich das LAG mit Zumutbarkeitsgrenzen beim <em>Recht auf Kopie<\/em>. Vieles spricht daf\u00fcr, Art. 14 Abs. 5 lit. b DSGVO analog auf das <em>Recht auf Kopie<\/em> gem. Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO anzuwenden und dem Datenverarbeiter den Einwand unzumutbaren Aufwands zu er\u00f6ffnen (so schon <em>H\u00e4rting<\/em>, DSGVO, 2016, Rdnr. 684). Dies schlie\u00dft zwar das <em>Recht auf Kopie<\/em> nicht vollst\u00e4ndig aus (a.A. <em>Wybitul<\/em>, DSGVO im Unternehmen, Kap. IV, Rdnr. 166), erm\u00f6glicht jedoch <span style=\"text-decoration: underline;\">in jedem Einzelfall eine Abw\u00e4gung<\/span> zwischen dem Aufwand, den ein Ersuchen f\u00fcr den Verantwortlichen bedeutet, und dem Nutzen, den der Betroffene aus den Kopien ziehen kann.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Das Urteil aus dem S\u00fcdwesten der Republik zeigt, welche Sprengkraft in dem <em>Recht auf Kopie<\/em> gem. Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO steckt. Es handelt sich um ein eigenst\u00e4ndiges Betroffenenrecht, das sich nicht fortleugnen oder wegdefinieren l\u00e4sst. Allerdings wird \u00fcber die Schranken zu reden sein \u2013 eine Diskussion, die ich mit einem Aufsatz er\u00f6ffnen m\u00f6chte, der im Aprilheft von Computer und Recht erscheinen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Art. 15 Abs. 3 Satz 1 DSGVO wird im Aprilheft der CR ein Beitrag von mir erscheinen (H\u00e4rting, CR 2019, 219 &#8211; 225).\u00a0Ein j\u00fcngst bekannt gewordenes arbeitsgerichtliches Urteil gibt Anlass zu einer \u201eSneak Preview\u201c Das LAG Baden-W\u00fcrttemberg hat den Automobilkonzern Daimler verurteilt, einem langj\u00e4hrigen Mitarbeiter \u201eeine Kopie seiner personenbezogenen Leistungs- und Verhaltensdaten, die Gegenstand [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,34,9,51,29],"tags":[437,687,719,718,145,515,331],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4443"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4443"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4455,"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4443\/revisions\/4455"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}