{"id":4345,"date":"2019-02-19T07:53:13","date_gmt":"2019-02-19T06:53:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=4345"},"modified":"2019-02-19T12:28:35","modified_gmt":"2019-02-19T11:28:35","slug":"the-beauty-and-the-beast-anmerkungen-zum-facebook-fallbericht-des-bundeskartellamts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2019\/02\/19\/the-beauty-and-the-beast-anmerkungen-zum-facebook-fallbericht-des-bundeskartellamts\/","title":{"rendered":"The Beauty and the Beast &#8211; Anmerkungen zum Facebook-&#8222;Fallbericht&#8220; des Bundeskartellamts"},"content":{"rendered":"<p>Die datenschutzrechtliche Einwilligung hat seit jeher zwei Gesichter. Einerseits erscheint sie als perfektes Instrument des selbstbestimmten Handelns. Andererseits steht sie unter dem Verdacht einer Mogelpackung, die zur \u00fcbereilten Preisgabe pers\u00f6nlicher Daten verleitet.<\/p>\n<p><strong>Polarisierung datenschutzrechtlicher Einwilligung<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr ihre <span style=\"text-decoration: underline;\">Freunde<\/span> ist die Einwilligung sakrosankt. Sie ist die perfekte Verwirklichung der Selbstbestimmung und leitet sich aus dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung zwanglos ab. \u201eMeine Daten geh\u00f6ren mir\u201c. Und \u201eich\u201c verf\u00fcge \u00fcber \u201emeine Daten\u201c, indem ich deren Verwendung erlaube oder verbiete.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Kritiker<\/span> der Einwilligung sprechen von einem Einwilligungsfetisch (<a href=\"https:\/\/anwaltsblatt.anwaltverein.de\/de\/anwaltsblatt\/print-archiv?year=2012&amp;file=files\/anwaltsblatt.de\/Archiv\/2012\/Jahrgang_2012\/Heft-8%2B9-2012.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>H\u00e4rting<\/em>, Datenschutzrecht: Verbotsprinzip und Einwilligungsfetisch, AnwBl. 2012, 716, 719 f.<\/a>). Denn der Einwilligung werden Kr\u00e4fte zugeschrieben, die sie von Natur aus nicht besitzt. Die Realit\u00e4t der Einwilligung besteht aus Klickfeldern, H\u00e4kchen und langen Texten, die selten gelesen werden.<\/p>\n<p><strong>Vorgabe der DSGVO<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) ist die Einwilligung nur\u00a0einer von <em>sechs alternativen Rechtsgrundlagen<\/em> f\u00fcr eine Datenverarbeitung. Alternativen zur Einwilligung sind insbesondere:<\/p>\n<ul>\n<li>die Datenverarbeitung zur <span style=\"text-decoration: underline;\">Vertragserf\u00fcllung<\/span> (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. b DSGVO) und<\/li>\n<li>die Verarbeitung von Personendaten auf der Grundlage <span style=\"text-decoration: underline;\">berechtigten Interessen<\/span> (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. f DSGVO).<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Kontr\u00e4re Lesarten<\/strong><\/p>\n<p>Ein Rangverh\u00e4ltnis zwischen den einzelnen Rechtsgrundlagen l\u00e4sst sich Art. 6 DSGVO nicht entnehmen. Dennoch gibt es zwei sehr unterschiedliche Lesarten der DSGVO, die von einem solchen Rangverh\u00e4ltnis ausgehen und den Stellenwert der Einwilligung ganz gegens\u00e4tzlich beurteilen:<\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Schw\u00e4chste Rechtsgrundlage:<br \/>\n<\/span>Kritiker der Einwilligung betonen die Einschr\u00e4nkungen, die die DSGVO eingef\u00fchrt hat. Zu nennen sind insbesondere die freie und jederzeitige Widerruflichkeit (Art. 7 Abs. 3 Satz 1 DSGVO), die Unwirksamkeit bei \u201eklarem Ungleichgewicht\u201c (Erw\u00e4gungsgrund 43 Satz 1 DSGVO) und das Kopplungsverbot (Art. 7 Abs. 4 DSGVO), dessen Reichweite im Einzelnen streitig ist.<br \/>\nDer Blick auf die Einschr\u00e4nkungen legt den Schluss nahe, dass die Einwilligung die schw\u00e4chste Rechtsgrundlage f\u00fcr eine Datenverarbeitung ist, die die DSGVO bietet (vgl. <a href=\"https:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/datenschutzgrund-vo-dsgvo-kritik\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>H\u00e4rting<\/em>, Trilog erfolgreich, Einwilligung tot, LTO vom 16.12.2015<\/a>). Und es \u00fcberrascht daher nicht, dass viele Unternehmen seit dem Wirksamwerden der DSGVO auf Einwilligungen verzichten und stattdessen bei der Verarbeitung von Personendaten auf Vertragserf\u00fcllung und berechtigte Interessen setzen.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">St\u00e4rkste Rechtsgrundlage:<\/span><br \/>\nFreunden der Einwilligung f\u00e4llt der Abschied schwer. Sie wittern hinter jedem Einwilligungsverzicht eine Umgehung und legen alternative Rechtsgrundlagen restriktiv aus. Das \u2013 als quasi naturgegebene \u2013 Erfordernis der Einwilligung d\u00fcrfe nicht durch eine trickreiche Vertragsgestaltung umgangen werden.<br \/>\nDie <span style=\"text-decoration: underline;\">Vertragserf\u00fcllung<\/span> rechtfertige eine Datenverarbeitung daher nur, wenn die Verarbeitung von Personendaten unverzichtbar sei.<br \/>\nUnd eine Datenverarbeitung aufgrund <span style=\"text-decoration: underline;\">berechtigter Interessen<\/span> sei nur zul\u00e4ssig, wenn es ausnahmsweise angemessen und zumutbar erscheine, auf eine Einwilligung zu verzichten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Ansatz des BKartA<\/strong><\/p>\n<p>In seiner <em>Facebook<\/em>-Entscheidung hat sich das <em>Bundeskartellamt (BKartA)<\/em>\u00a0auf die Seite der Einwilligungsfreunde geschlagen. Dies geht aus dem \u201eFallbericht\u201c hervor, den das <em>BKartA<\/em> am vergangenen Freitag ver\u00f6ffentlicht hat (<a href=\"https:\/\/www.bundeskartellamt.de\/SharedDocs\/Entscheidung\/DE\/Fallberichte\/Missbrauchsaufsicht\/2019\/B6-22-16.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>BKartA<\/em>, &#8222;Facebook; Konditionenmissbrauch gem\u00e4\u00df \u00a7 19 Abs. 1 GWB wegen unangemessener Datenverarbeitung&#8220;, 15.2.2019<\/a>).<\/p>\n<p>Auf Seite 9 des \u201eFallberichts\u201c zeigt sich das <em>BKartA<\/em> von einem individuellen Selbstbestimmungsrecht \u00fcberzeugt, aus dem sich ein <strong>Einwilligungsvorbehalt<\/strong> ableiten l\u00e4sst:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEs (das Datenschutzrecht) weist dem Einzelnen zum Schutz seines Grundrechts auf informationelle Selbstbestimmung das Recht zu, selbstbestimmt und <span style=\"text-decoration: underline;\">ohne Aus\u00fcbung von Zwang Dritter<\/span> freiwillig \u00fcber den Umgang mit seinen personenbezogenen Daten zu entscheiden.\u201c<br \/>\n(Hervorhebungen hinzugef\u00fcgt)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die <span style=\"text-decoration: underline;\">Vertragserf\u00fcllung<\/span> (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. b DSGVO) m\u00f6chte das <em>BKartA <\/em>nur im Ausnahmefall als \u201eErsatz\u201c f\u00fcr eine Einwilligung anerkennen:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDieser Rechtfertigungsgrund ist <em>eng<\/em> auszulegen. Es ist insoweit bereits eine <em>Abw\u00e4gung <\/em>erforderlich, die auch die einseitige Festlegung des Vertragsinhalts zu ber\u00fccksichtigen hat. Insbesondere kann eine <em>Erforderlichkeit<\/em> des hier ermittelten Ausma\u00dfes der Datenverarbeitung nicht mit ihrer Effizienz und ihren Vorteilen f\u00fcr die Personalisierung des Dienstes begr\u00fcndet werden. Diese Sichtweise w\u00fcrde dazu f\u00fchren, dass die Datenverarbeitung eines Unternehmens allein wegen des gew\u00e4hlten <span style=\"text-decoration: underline;\">Gesch\u00e4ftsmodells<\/span> und der <span style=\"text-decoration: underline;\">Produkteigenschaften <\/span>sowie der <span style=\"text-decoration: underline;\">Vorstellung des Unternehmens<\/span> \u00fcber die Qualit\u00e4t des Produktes unbegrenzt m\u00f6glich w\u00e4re.\u201c<br \/>\n(Hervorhebungen hinzugef\u00fcgt)<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch <span style=\"text-decoration: underline;\">berechtigte Interessen<\/span> (Art. 6 Abs. 1 Satz 1 lit. f DSGVO) kann ein m\u00e4chtiges Unternehmen nach Auffassung des <em>BKartA<\/em> nicht geltend machen, wenn es auf Einwilligungen verzichten m\u00f6chte:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eZu ber\u00fccksichtigen war \u2026 auch, dass <em>Facebook<\/em> als marktbeherrschendes Unternehmen eine <em>Verhandlungsmacht<\/em> gegen\u00fcber den Nutzern innehat und den Nutzern weitreichende Datenverarbeitungskonditionen einseitig auferlegen kann, ohne dass die Nutzer dies etwa durch zus\u00e4tzliche Steuerungsm\u00f6glichkeiten verhindern k\u00f6nnten. Eine solche Datenverarbeitung kann <span style=\"text-decoration: underline;\">nicht mehr ohne eine freiwillige Einwilligung<\/span> der Nutzer gerechtfertigt werden.\u201c<br \/>\n(Hervorhebungen hinzugef\u00fcgt)<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Kritik<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr Einwilligungsskeptiker sind diese Argumente alles andere als \u00fcberzeugend. Die <span style=\"text-decoration: underline;\">Vertragserf\u00fcllung<\/span> und <span style=\"text-decoration: underline;\">berechtigte Interessen<\/span> sind nach Art. 6 Abs. 1 DSGVO gleichwertige Alternativen zur <span style=\"text-decoration: underline;\">Einwilligung<\/span>. Und wenn das <em>BKartA<\/em> von einem Marktriesen die Einholung \u201efreiwilliger\u201c Einwilligungen verlangt, klingt dies nach einer Quadratur des Kreises.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Das Ringen um den Stellenwert der Einwilligung geht nach der Entscheidung des <em>BKartA<\/em> weiter. Rechtsunsicherheit bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die datenschutzrechtliche Einwilligung hat seit jeher zwei Gesichter. Einerseits erscheint sie als perfektes Instrument des selbstbestimmten Handelns. Andererseits steht sie unter dem Verdacht einer Mogelpackung, die zur \u00fcbereilten Preisgabe pers\u00f6nlicher Daten verleitet. Polarisierung datenschutzrechtlicher Einwilligung F\u00fcr ihre Freunde ist die Einwilligung sakrosankt. 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