{"id":3340,"date":"2018-05-10T15:47:14","date_gmt":"2018-05-10T14:47:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=3340"},"modified":"2018-05-14T11:06:21","modified_gmt":"2018-05-14T10:06:21","slug":"e-evidence-outsourcing-von-grundrechtsschutz-teil-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2018\/05\/10\/e-evidence-outsourcing-von-grundrechtsschutz-teil-3\/","title":{"rendered":"e-Evidence: Outsourcing von Grundrechtsschutz (Teil 3)"},"content":{"rendered":"<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;e-Evidence&#8220; hat die <em>Europ\u00e4ische Kommission <\/em>am 17. April 2018 Vorschl\u00e4ge zum Zugriff von Strafverfolgungsbeh\u00f6rden auf digitale Daten in anderen Staaten vorgelegt. Das Paket besteht aus einem <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/resource.html?uri=cellar:639c80c9-4322-11e8-a9f4-01aa75ed71a1.0001.02\/DOC_1&amp;format=PDF\">Richtlinienentwurf<\/a> und einem <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/EN\/TXT\/PDF\/?uri=CELEX:52018PC0226&amp;from=EN\">Verordnungsentwurf<\/a>. Kern ist die Schaffung einer M\u00f6glichkeit f\u00fcr Strafverfolgungsbeh\u00f6rden, die von ihnen ben\u00f6tigten digitalen Daten (&#8222;<em>e-Evidence<\/em>&#8222;) unmittelbar bei Service-Providern in anderen Mitgliedsstaaten oder Staaten au\u00dferhalb der EU abzufragen.<\/p>\n<p><strong>Diensteanbieter<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl die adressierten <em>Diensteanbieter<\/em> als auch die <em>Datenarten<\/em> werden hierbei sehr weitgehend gefasst:<\/p>\n<p>Verpflichtungen k\u00f6nnen sich gegen <span style=\"text-decoration: underline;\">jede Art von Anbietern digitaler Kommunikationsdienste<\/span> (E-Mail, Messenger) ebenso richten wie gegen jeden sonstigen Anbieter digitaler Dienste, bei denen die Datenspeicherung wichtiger Teil des Gesch\u00e4ftsmodells ist. Ausdr\u00fccklich genannt werden soziale Netzwerke, Online-Marktpl\u00e4tze und Hosting-Anbieter.<\/p>\n<p>Sofern solche Anbieter ihre Dienste europ\u00e4ischen Kunden anbieten, sollen die Unternehmen einen <span style=\"text-decoration: underline;\">rechtlichen Ansprechpartner in einem EU-Mitgliedsstaat<\/span> benennen, an den die Strafverfolger ihre Anliegen unmittelbar richten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Datenarten<\/strong><\/p>\n<p>Vier Arten von Daten sollen von den Providern zuk\u00fcnftig grunds\u00e4tzlich herausgegeben werden:<\/p>\n<ol>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Subscriber Data<\/em><\/span><br \/>\numfassen die Identit\u00e4ts- und Adressdaten von Kunden, welche Dienste gebucht wurden und wie gezahlt wird, mithin also eine Art Bestandsdaten.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Access Data<\/em><\/span><br \/>\nsind Metadaten, die sich auf die Umst\u00e4nde einer konkreten Inanspruchnahme eines Dienstes beziehen, also Datum und Uhrzeit, IP-Adresse und andere Identifikationsmerkmale (z.B. User-ID)<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Transactional Data<\/em><\/span><br \/>\nsind ebenfalls Metadaten, die sich in Abgrenzung zu 2. eher auf die Art der Nutzung von Diensten als die Umst\u00e4nde beziehen. Dazu geh\u00f6ren Absender und Empf\u00e4nger von E-Mails, Geolokationsdaten von Endger\u00e4te, genutzte Protokolle etc. Die Abgrenzung zwischen 2 und 3 ist allerdings reichlich unklar.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Content Data<\/em><\/span><br \/>\nsind gespeicherte Inhaltsdaten, also Text, Bild, Ton oder Video.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Letztlich umfassen die vier Datenkategorien im Grunde alle von einem Provider nutzerbezogen gespeicherten Daten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>No Real Time Data:<\/em><\/span> Ausgenommen sind allerdings real-time-Kommunikationsdaten;\u00a0alle Datenkategorien beziehen sich nur auf gespeicherte Daten. Eine Kommunikations- oder Nutzungs\u00fcberwachung einer laufenden Nutzung ist nicht vorgesehen.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung der Datenkategorien ist insoweit relevant, als dass die <em>EU-Kommission<\/em> offenbar\u00a0<em>Transactional Data\u00a0<\/em>und\u00a0<em>Content Data<\/em> als sensibler ansieht; ihre Herausgabe erfordert h\u00f6here Voraussetzungen als der Zugriff der Ermittler auf\u00a0<em>Subscriber<\/em> <em>Data<\/em> und\u00a0<em>Access Data<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Rechtliche Instrumente<\/strong><\/p>\n<p>Der Verordnungsentwurf definiert zwei rechtliche Instrumente, mit deren Hilfe ein Zugriff der Strafverfolger auf die beim Provider gespeicherten Daten erm\u00f6glicht werden soll. Jedes Instrument stellt eine unmittelbare Verpflichtung eines Providers in einem anderen Staat dar, ohne dass &#8211; etwa durch eine\u00a0<em>European Investigation Order (EIO)<\/em>\u00a0oder ein Rechtshilfeersuchen &#8211; die Beh\u00f6rden des betreffenden Staates um Hilfe gebeten werden.<\/p>\n<ul>\n<li><em>European Production Order (EPO)<br \/>\n<\/em>Mit Hilfe einer\u00a0<em>EPO<\/em> werden Diensteanbieter verpflichtet, die von den Beh\u00f6rden geforderten Daten binnen 10 Tagen herauszugeben, in Eilf\u00e4llen sogar binnen 6 Stunden. Eilf\u00e4lle liegen vor, wenn es um die Abwehr einer unmittelbar bevorstehenden Gefahr f\u00fcr Leib und Leben oder eine kritische Infrastruktur geht.<br \/>\nDie Voraussetzungen f\u00fcr eine <em>EPO<\/em> unterscheiden sich je nach Art der Daten. Das Herausverlangen \u00a0von <em>Subscriber Data\u00a0<\/em>und\u00a0<em>Access Data<\/em> ist bei allen Straftaten m\u00f6glich, das Verlangen nach <em>Transactional Data<\/em> und\u00a0<em>Content Data\u00a0<\/em>nur bei schweren Straftaten (die mit einem Strafrahmen \u00fcber drei Jahre bedroht sind).<\/li>\n<li><em>European Preservation Order (EPrO)<br \/>\n<\/em>Mit Hilfe der <em>EPrO<\/em> soll das L\u00f6schen oder \u00dcberschreiben vorhandener Daten verhindert werden, um ein anschlie\u00dfendes Rechtshilfeersuchten, <em>EIO<\/em> oder\u00a0<em>EPO<\/em> zu erm\u00f6glichen. Die Beh\u00f6rden des Mitgliedsstaates, in dem der Provider seinen Sitz hat, sind verpflichtet, die Beh\u00f6rden des anfragenden Staates bei der Durchsetzung der Verlangen zu unterst\u00fctzen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Europas Reaktion auf den CLOUD Act<\/strong><\/p>\n<p>Die gemeinsam mit Mitgliedsstaaten entwickelten Vorschl\u00e4ge der <em>EU-Kommission<\/em> zum Zugriff auf &#8222;e-Evidence&#8220; stellen auf gewisse Art eine Reaktion auf den US-amerikanischen <em>Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act (CLOUD Act)<\/em> dar, das der US-Pr\u00e4sident am 23. M\u00e4rz 2018 unterzeichnet hatte (hierzu <a href=\"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2018\/03\/28\/krieg-der-daten-kollision-von-eu-dsgvo-und-us-cloud-act\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Jansen<\/em>, &#8222;Krieg der Daten &#8211; Kollision von EU DSGVO und US CLOUD Act&#8220;, CRonline Blog v. 28.7.2018<\/a>). Der CLOUD Act erm\u00e4chtigt US-Beh\u00f6rden zum Zugriff auf Daten US-amerikanischer Anbieter, auch wenn diese in Clouds au\u00dferhalb der Vereinigten Staaten gespeichert sind.<\/p>\n<p>Europa geht mit den Vorschl\u00e4gen zu &#8222;e-Evidence&#8220; sogar ein St\u00fcck dar\u00fcber hinaus: Denn nicht nur werden europ\u00e4ische Unternehmen verpflichtet, Daten herauszugeben &#8211; unabh\u00e4ngig vom Ort der Speicherung. Auch au\u00dfereurop\u00e4ische Unternehmen sollen die EU-Verpflichtung einhalten, sofern sie ihre Kommunikations- und Onlinedienste f\u00fcr den europ\u00e4ischen Markt anbieten.<\/p>\n<p><strong>Grundrechtsschutz durch Provider<\/strong><\/p>\n<p>Nach Bekanntwerden der Vorschl\u00e4ge der <em>EU-Kommission<\/em> gab es heftige Proteste aus den Reihen der betroffenen Unternehmen und Verb\u00e4nde. Nicht nur der mit den neuen Instrumenten verbundene Aufwand wird kritisiert, auch die geplante \u00dcbertragung der Verantwortung f\u00fcr die Pr\u00fcfung der Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der Anordnungen lehnen die Provider ab.<\/p>\n<ul>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Berechtigung zur Anfrage?<\/span><br \/>\nDa keine lokale Beh\u00f6rde eingeschaltet wird, soll es Aufgabe des jeweiligen Providers sein, die Berechtigung der anfragenden Beh\u00f6rde zu pr\u00fcfen.<br \/>\nMithin m\u00fcsste jeder Online-Anbieter zuk\u00fcnftig einen \u00dcberblick \u00fcber alle europ\u00e4ischen Strafverfolgungsbeh\u00f6rden und deren Zust\u00e4ndigkeiten gewinnen und pflegen.<br \/>\nDas gilt auch f\u00fcr KMU, da der Entwurf keine Ausnahme f\u00fcr KMU vorsieht.<\/li>\n<li><span style=\"text-decoration: underline;\">Grundrechtsverletzung?<\/span><br \/>\nZudem hat der Provider zu pr\u00fcfen, ob die Anordnung unter Umst\u00e4nden gegen Grundrechte verst\u00f6\u00dft. Hierf\u00fcr ist in Art. 9 Ziffer 5 des Verordnungsentwurfs ein ausdr\u00fcckliches Verfahren vorgesehen:<br \/>\n<em>&#8222;In case the addressee considers that the EPOC cannot be executed because based on the sole information contained in the EPOC it is apparent that it <span style=\"text-decoration: underline;\">manifestly violates the Charter of Fundamental Rights<\/span> of the European Union or that it is <span style=\"text-decoration: underline;\">manifestly abusive<\/span>, the <span style=\"text-decoration: underline;\">addressee shall also send the Form in Annex III<\/span> to the competent enforcement authority in the Member State of the addressee.&#8220; <\/em>(Hervorhebungen hinzugef\u00fcgt)<em><br \/>\n<\/em>Nicht die am Ort des Eingriffs zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden oder Gerichte w\u00fcrden zuk\u00fcnftig die formelle und materielle Vereinbarkeit der Eingriffe mit den Grundrechten der Betroffenen pr\u00fcfen, sondern der jeweilige Provider.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Outsourcing von Grundrechtsschutz &#8211; dritter Akt<\/strong><\/p>\n<p>Der Kommissionsvorschlag setzt eine verh\u00e4ngnisvolle europ\u00e4ische Entwicklung im Umgang mit digitalen Plattformen fort: die Auslagerung von Grundrechtsschutz an die Plattformanbieter. Wegen der Schwierigkeiten des Staates, das Geschehen in digitalen R\u00e4umen wirksam zu erfassen und zu steuern, werden die Plattformanbieter zu Hilfspolizisten, Hilfsstaatsanw\u00e4lten und Hilfsrichtern.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Erster Akt:<\/em><\/span>\u00a0 Mit der <em>Google Spain-Entscheidung des EuGH<\/em> wurde Online-Suchmaschinen die Aufgabe \u00fcbertragen, die Abw\u00e4gung zwischen dem Informationsinteresse der \u00d6ffentlichkeit und dem Pers\u00f6nlichkeitsschutz eines Betroffenen selbst vorzunehmen (vgl. das gute Statement von\u00a0<a href=\"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2014\/10\/14\/im-zweifel-loeschen-statement-zum-recht-auf-vergessen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>H\u00e4rting, <\/em>\u201cIm Zweifel l\u00f6schen\u201d \u2013 Statement zum Recht auf Vergessen, CRonline Blog v. 14.10.2014<\/a>).<\/p>\n<p><em><span style=\"text-decoration: underline;\">Zweiter Akt:<\/span><\/em>\u00a0 Mit dem <em>Netzwerkdurchsetzungsgesetz des Bundes<\/em>\u00a0werden soziale Netzwerke verpflichtet, mutma\u00dflich illegale Inhalte auf ihren Plattformen auf Unrechtm\u00e4\u00dfigkeit zu pr\u00fcfen und gegebenenfalls zu l\u00f6schen (vgl. <a href=\"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2017\/04\/05\/abwaegung-fehlanzeige-warum-dem-bverfg-das-netzdg-nicht-gefallen-wird\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>H\u00e4rting<\/em>, &#8222;Abw\u00e4gung Fehlanzeige. Warum dem BVerfG das NetzDG nicht gefallen wird&#8220;, CRonline Blog v. 5.4.2017<\/a>).<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><em>Dritter Akt:<\/em><\/span>\u00a0 Mit dem Entwurf der <em>e-Evidence-Verordnung der EU<\/em> sollen nun die Online-Anbieter die formelle und materielle Rechtm\u00e4\u00dfigkeit polizeilichen Zugriffs auf digitale Daten \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Sind das alles Aufgaben, die wir zuk\u00fcnftig durch Private erledigen lassen wollen?<br \/>\nOder ist das eine Selbstentmachtung des Staates zu Gunsten digitaler Plattformen?<br \/>\nVgl.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783658199463\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Schallbruch<\/em>, Schwacher Staat im Netz, Kapitel 4, S. 96 ff.<\/a><\/p>\n<p>Mit welcher Motivation, welcher Interessenlage w\u00e4gen Private Grundrechtseingriffe ab?<\/p>\n<p>Die Diskussion \u00fcber das Overblocking beim <em>Netzwerkdurchsetzungsgesetz<\/em> zeigt, dass Unternehmen im Zweifel den Weg w\u00e4hlen, der f\u00fcr sie selbst das geringere Risiko bedeutet. Im Falle des &#8222;e-Evidence&#8220; wird dies die Herausgabe von Daten sein, nicht das Zur\u00fcckhalten &#8211; jedenfalls so lange, wie es keine Regelungen \u00fcber die Benachrichtigung der Betroffenen oder Schadensersatz bei unrechtm\u00e4\u00dfiger Herausgabe gibt.<\/p>\n<p><strong>Plattformregulierung weiter denken<\/strong><\/p>\n<p>Viel wird \u00fcber Plattformregulierung diskutiert. Wettbewerbsrechtliche, steuerrechtliche, datenschutzrechtliche und viele anderen Fragen werden im Hinblick auf die Verpflichtung der Plattformen diskutiert. Was fehlt, ist eine Diskussion \u00fcber die Rolle der Plattformen als Ort der Grundrechtsaus\u00fcbung und die Frage, wie der Staat sich aufstellen kann, um auch bei digitalen Plattformen einen wirksamen Grundrechtsschutz selbst zu gew\u00e4hrleisten, ohne ihn an Private auszulagern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter der \u00dcberschrift &#8222;e-Evidence&#8220; hat die Europ\u00e4ische Kommission am 17. April 2018 Vorschl\u00e4ge zum Zugriff von Strafverfolgungsbeh\u00f6rden auf digitale Daten in anderen Staaten vorgelegt. Das Paket besteht aus einem Richtlinienentwurf und einem Verordnungsentwurf. 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