{"id":3321,"date":"2016-09-28T13:11:05","date_gmt":"2016-09-28T12:11:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cr-online.de\/blog\/?p=3321"},"modified":"2021-02-10T18:58:45","modified_gmt":"2021-02-10T17:58:45","slug":"optimierte-entwicklung-des-refe-fuer-ein-abdsg-und-leakendes-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cr-online.de\/blog\/2016\/09\/28\/optimierte-entwicklung-des-refe-fuer-ein-abdsg-und-leakendes-schweigen\/","title":{"rendered":"Optimierte Entwicklung des RefE f\u00fcr ein ABDSG und leakendes Schweigen"},"content":{"rendered":"<p>Vor knapp zwei Wochen hat <a href=\"http:\/\/blog.beck.de\/2016\/09\/12\/der-entwurf-zum-datenschutz-anpassungsgesetz\"><em>Prof. Hoeren<\/em><\/a>\u00a0daf\u00fcr pl\u00e4diert, keine voreilige Diskussion zu dem geleakten Entwurf des ABDSG (hierzu <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/2016\/innenministerium-will-rechtswidrige-datenverarbeitung-bei-geheimdiensten-sanktionsfrei-machen\/\">Netzpolitik<\/a> mit weiterf\u00fchrenden Links) vom Zaun zu brechen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Warum mu\u00df bei jedem Vor-Vor-Vorentwurf eins Gesetzes sofort seitens der Community &#8218;herumgepupst&#8216; werden? Wie gesagt, verdienen die <em>BMI<\/em>-MitarbeiterInnen h\u00f6chsten Respekt f\u00fcr ihre Arbeit und ihre N\u00f6te mit dem schwierigen Projekt. Zu Recht hat die Chefredakteurin der &#8218;Zeitschrift f\u00fcr Datenschutz&#8216; <em>Anke Zimmer-Helfrich<\/em> vor solcher Raffgier gewarnt: &#8218;Die ZD wird sich daher nicht an der spekulativen Diskussion dieser zur\u00fcckgezogenen Arbeitsfassung beteiligen, sondern zu gegebener Zeit den neuen und autorisierten Entwurf mit dem n\u00f6tigen wissenschaftlichen Anspruch analysieren und kommentieren.'&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>O tempora, o mores<\/strong><\/p>\n<p>Wer das Gesetzgebungsverfahren der Datenschutz-Grundverordnung aufmerksamer verfolgt hat, erinnert sich vielleicht noch an einen <a href=\"https:\/\/www.telemedicus.info\/article\/2131-Verordnet-Bruessel-einen-neuen-Datenschutz-Update-Datenschutz-Verordnung-geleakt.html\">Beitrag<\/a>\u00a0von <em>Adrian Schneider<\/em> und mir \u00fcber deren ersten Leak anno 2011. Im Januar 2012 folgte dann sogleich die Ver\u00f6ffentlichung durch die <em>EU-Kommission<\/em>. Viel Zeit war da nicht verstrichen, <a href=\"https:\/\/www.telemedicus.info\/article\/2169-EU-Datenschutz-Reding-stellt-Entwurf-fuer-Verordnung-vor.html\">ge\u00e4ndert<\/a>\u00a0hatte sich auch nichts Fundamentales. Im M\u00e4rz 2014 folgte dann die Position des <em>Europ\u00e4ischen Parlaments<\/em>, im Juni 2015 die des <em>Europ\u00e4ischen Rates<\/em>. Der informelle Trilog war im Dezember 2015 abgeschlossen. Einen so breiten Zeitrahmen wird es f\u00fcr die deutsche Anpassung nicht geben.<\/p>\n<p><strong>Enger Zeitrahmen f\u00fcr ABDSG<\/strong><\/p>\n<p>Wir haben seit dem 4. Mai 2016 nun die Ver\u00f6ffentlichung der Datenschutz-Grundverordnung im <a href=\"http:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/?uri=OJ:L:2016:119:TOC\">Amtsblatt<\/a>\u00a0der EU. Seit diesem Tag ist das <em>BMI<\/em> also, jedenfalls potentiell, sp\u00e4testens in der Lage sich an die n\u00f6tigen Anpassungen (nein, nicht die Umsetzung &#8211; wir haben keine Richtlinie mehr) im Bundesdatenschutzrecht zu machen. Fertig werden will man, laut eigenen <a href=\"https:\/\/www.datenschutzbeauftragter-info.de\/das-neue-bdsg-im-schatten-der-dsgvo\/\">Angaben<\/a>\u00a0des <em>BMI<\/em>, bis zur n\u00e4chsten Legislaturperiode, also faktisch bis Herbst diesen Jahres. Dass dies ein extrem enger Zeitrahmen ist, ist offensichtlich.<\/p>\n<p><strong>Konstruktive Hilfe statt Pflicht zur R\u00fccksichtnahme<\/strong><\/p>\n<p>Von daher ist die Leistungsbereitschaft der zust\u00e4ndigen Mitarbeiter im <em>BMI<\/em>, und im \u00fcbrigen auch der anderen Beteiligten, die insgesamt 100 Seiten Stellungnahmen ablieferten, sicher lobenswert. Aus dieser Drucksituation dann aber eine Pflicht zur R\u00fccksichtnahme abzuleiten, ist, meiner Meinung nach, eine ebenso <strong>falsche<\/strong> wie <strong>fatale<\/strong> Schlussfolgerung.<\/p>\n<p>Soweit <em>Prof. Hoeren<\/em> davon abr\u00e4t \u201e<em>BMI<\/em>-Bashing\u201c zu betreiben, ist ihm uneingeschr\u00e4nkt zuzustimmen. Allerdings muss, gerade aufgrund des unglaublich engen Zeitrahmens, eine Diskussion und somit konstruktive Kritik so fr\u00fch wie m\u00f6glich beginnen. Ansonsten stehen die Chancen schlecht, dass diese Kritik noch rechtzeitig im Ministerium ber\u00fccksichtigt werden kann. So l\u00f6blich es w\u00e4re, auf den n\u00e4chsten angepassten Entwurf zu warten, so wenig Zeit ist hierf\u00fcr.<\/p>\n<p><strong>Vorbild \u201eGr\u00fcnbuch\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die EU etwa kennt das sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gr\u00fcnbuch_(Europ\u00e4ische_Kommission)\">Gr\u00fcnbuch<\/a>. Hierbei handelt es sich um ein Diskussionspapier, das zu einem bestimmten Thema, insbesondere Vorlagen f\u00fcr Verordnungen und Richtlinien, ver\u00f6ffentlich wird, um auf diesem Gebiet eine \u00f6ffentliche und wissenschaftliche Diskussion herbeizuf\u00fchren. Dies w\u00e4re sicher auch ein optimaler Ansatz f\u00fcr die Anpassung des Datenschutzrechts gewesen. In Anbetracht der kurzen Umsetzungszeit ist ein vergleichbarer Ansatz aber schlicht nicht machbar. Ein selbst-verordnetes Stillhalten k\u00f6nnte sich je nach Reformwillen zuk\u00fcnftiger Regierungen allerdings bitter r\u00e4chen.<\/p>\n<p><strong>Minimum an Reformwille<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man sich den Reformwillen des <em>BMI<\/em> hinsichtlich des BDSG und der datenschutzrechtlichen Nebengesetze vor Augen f\u00fchrt, schwindet auch die Hoffnung, dass Fehlentwicklungen aus dem nunmehr beschleunigten Verfahren zeitnah korrigiert werden. Als Beispiel hierf\u00fcr sei nur der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arbeitnehmerdatenschutz#J.C3.BCngere_Gesetzgebungsaktivit.C3.A4ten_im_Arbeitnehmerdatenschutz\">Arbeitnehmerdatenschutz<\/a>\u00a0angef\u00fchrt. Dieser soll auch im laufenden Anpassungsverfahren nicht angegangen werden, <a href=\"https:\/\/www.cdu.de\/sites\/default\/files\/media\/dokumente\/koalitionsvertrag.pdf\">Koalitionsvertrag<\/a> und \u00d6ffnungsklausel (Art. 88 DSGVO) hin oder her.<\/p>\n<p><strong>Von Ankern und Katzen \u2013 Effekte des Leaks f\u00fcr das ABDSG<\/strong><\/p>\n<p>Wer sich ein wenig mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/\u00d6konomische_Analyse_des_Rechts#Behavioral_Law_and_Economics\">Behavioral Law &amp; Economics<\/a>\u00a0besch\u00e4ftigt, wei\u00df, dass die Vorstellung vom <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Homo_oeconomicus\"><em>homo oeconomicus<\/em><\/a>, dem allein rational entscheidenden Menschen, hinf\u00e4llig ist. So ist die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ankerheuristik\">Ankerheuristik<\/a>, grob gesagt eine <strong>systematische Verzerrung<\/strong> des eigenen Urteils in Richtung des \u201eAnkers\u201c, einer bestimmten Information als Startwert oder Ausgangspunkt, bereits in Gerichtsverfahren erwiesen. Von wem der Leak stammt, wird sich kaum kl\u00e4ren lassen.<\/p>\n<p>Durch die Ver\u00f6ffentlichung des Leaks und damit der Position des <em>BMI<\/em> kommt es allerdings zu einem <strong>Ankereffekt<\/strong> im Rahmen der Abstimmungen und Verhandlungen zwischen den Ministerien. Das <em>BMJV<\/em>, die <em>BfDI<\/em> sowie die L\u00e4nder werden also kaum einen fundamental anderen Entwurf vorschlagen k\u00f6nnen.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Omnibus und Baustellen<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 30px\">Auch sah sich das <em>BMI<\/em> wohl selbst in einem fortgeschrittenen Stadium des Entwurfs, weil ein <a href=\"https:\/\/netzpolitik.org\/\/wp-upload\/2016\/09\/BMJV_Widerspruch_Versendung.pdf\">Widerspruch<\/a>\u00a0des <em>BMJV<\/em> hinsichtlich der Weiterleitung an die L\u00e4nder und Verb\u00e4nde erst noch erfolgen musste.\u00a0Dar\u00fcber hinaus verwundert auch der Omnibus-Charakter des Entwurfs. So schlagen das <em>BMJV<\/em> und auch die <em>BfDI<\/em> vor, die Datenschutzrichtlinie f\u00fcr Polizei und Strafjustiz und die Datenschutz-Grundverordnung getrennt zu regeln. Naheliegend w\u00e4re es, nur das N\u00f6tigste in aller Eile anzupassen und dar\u00fcber hinaus zun\u00e4chst einmal \u201eBaustelle f\u00fcr Baustelle\u201c einzeln abzuarbeiten.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Systematisierung und Koh\u00e4renz<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 30px\">Das Ziel einer Systematisierung und Koh\u00e4renz der datenschutzrechtlichen Vorschriften ist nat\u00fcrlich begr\u00fc\u00dfenswert &#8211; und auch dringend n\u00f6tig, wie <em>Prof. Simitis<\/em> bei der <a href=\"http:\/\/www.dgri.de\/13n352\/Veranstaltungen\/Tagungen.htm\">DGRI-Beiratstagung<\/a> Ende April deutlich machte &#8211; aber sicherlich nicht in dem selbst gesteckten Zeitrahmen m\u00f6glich.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die &#8222;Katze im Sack&#8220;<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"padding-left: 30px\">So erinnert der Status des ABDSG-Entwurfs momentan insgesamt an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schr\u00f6dingers_Katze\"><em>Schr\u00f6dingers<\/em> Katze<\/a>. Ob der Entwurf jetzt weit vorangeschritten, oder doch nur eine erste Ausgangslage ist, wei\u00df man erst, wenn das <em>BMI<\/em> ihn freigibt.<\/p>\n<p><strong>Last weeks paper\u00a0&#8211; weniger ist mehr<\/strong><\/p>\n<p>Was die Kan\u00e4le der Diskussion angeht, so sind wissenschaftliche Ver\u00f6ffentlichungen in den \u00fcblichen Fachpublikationen ohnehin\u00a0kaum das akkurate Mittel eine Diskussion um das ABDSG in diesem beschleunigten Verfahren zu begleiten. Die Chefredaktion der ZD\u00a0spricht insoweit nur an, was bei einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift selbstverst\u00e4ndlich sein sollte.<\/p>\n<p>Allerdings sind Stellungnahmen, Working Papers, und Blogbeitr\u00e4ge eine ad\u00e4quate M\u00f6glichkeit, zeitnah konstruktive Kritik an den Entw\u00fcrfen zu \u00fcben. Wenn hier eine kritische Masse erreicht werden w\u00fcrde, k\u00f6nnte sich das <em>BMI<\/em> sicherlich einer \u00dcberarbeitung kaum entziehen.<\/p>\n<p><strong>One more thing<\/strong><\/p>\n<p>Weiter merkt <em>Prof. Hoeren<\/em> an:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px\">&#8222;Warum wurde der Text geleakt?\u00a0Weil zuviele Lobbyisten viel zu fr\u00fch an die Entw\u00fcrfe kommen und es immer einen unter ihnen gibt, der solche Entw\u00fcrfe freudestrahlend ins Web-Volk wirft. In Br\u00fcssel ist es gelungen, die Trilog-Verhandlungen \u00fcber den Verordnungstext vor der gesamten europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit geheim zu halten. Warum soll das nicht auch in Berlin gelingen k\u00f6nnen?&#8220;<\/p>\n<p>Die Trilog-Verhandlungen kamen keineswegs ohne Leaks aus. Wer aufmerksam etwa <a href=\"http:\/\/www.statewatch.org\/\" target=\"_blank\">statewatch.org<\/a> verfolgte, bekam immer wieder Dokumente zu Gesicht. Bei dem massiven Verordnungstext den \u00dcberblick zu behalten, war allerdings tats\u00e4chlich eine Herkules-Aufgabe.<\/p>\n<p>Im \u00dcbrigen enth\u00e4lt der Beitrag von <em>Prof. Hoeren<\/em> einige wertvolle Gedanken. Gerade der Blick \u00fcber den nationalen Tellerrand findet im deutschen Datenschutzrecht so gut wie nie statt. So ist, nach Erfahrung des Autors, der Anteil der deutschen Konferenzteilnehmer bei der gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Datenschutzkonferenz, der <a href=\"http:\/\/www.cpdpconferences.org\">CPDP<\/a>\u00a0in Br\u00fcssel, relativ \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor knapp zwei Wochen hat Prof. Hoeren\u00a0daf\u00fcr pl\u00e4diert, keine voreilige Diskussion zu dem geleakten Entwurf des ABDSG (hierzu Netzpolitik mit weiterf\u00fchrenden Links) vom Zaun zu brechen: &#8222;Warum mu\u00df bei jedem Vor-Vor-Vorentwurf eins Gesetzes sofort seitens der Community &#8218;herumgepupst&#8216; werden? 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